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Rosen des Lebens

Rosen des Lebens

Titel: Rosen des Lebens Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: R Merle
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solcher
     Szenen zwischen den Geschwistern erlebt, und jedesmal liefen sie gleich ab: Charles verließ unvorsichtig seine Linien, um
     gegen Louise-Marguerite einen Ausfall zu machen. Und unabänderlich verwies sie ihn auf seine Ausgangsposition. Aber das Erstaunliche
     war, daß er immer wieder anfing, er lernte nichts aus seinen Niederlagen.
    »Frau Mutter«, sagte Claude nach einer Weile, »ich wette, daß Ihr von mir wissen möchtet, wie dieser Streit zwischen dem Kardinal
     von Guise und dem Herzog von Nevers ausgebrochen ist?«
    |285| »Danke, Claude«, sagte Madame de Guise, »aber vor dem Wie wüßte ich gerne erst das Warum.«
    »Es handelte sich, glaube ich, um irgendeine Priorei«, sagte Charles. »Aber auf alle Fälle kann Nevers nur unrecht haben:
     Man nimmt nicht gegen einen von uns Partei.«
    »Der Ansicht bin ich auch«, sagte Claude.
    »Ich auch«, sagte Louise-Marguerite, die gleichsam verwundert schien, einmal mit ihrem ältesten Bruder einer Meinung zu sein.
    Da ich stumm blieb, blickte die Herzogin von Guise mich aufmerksam an.
    »Trotzdem«, sagte sie, »wüßte ich doch gerne, um was es geht. Pierre-Emmanuel, könnt Ihr mich aufklären? Ihr seid schließlich
     im Kronrat.«
    »Madame«, sagte ich, »vielleicht ist es wenig nützlich, wenn ich erläutere, um was es geht, da wir alle übereingekommen sind,
     daß Nevers unrecht haben muß.«
    »Gut gesprochen, Pierre!« rief Claude und klopfte mir auf die Schulter.
    Louise-Marguerite, die Claudes Einfalt ergötzte, fing an zu lachen.
    »Was gibt es da zu lachen?« rief Charles.
    »Merkt Ihr denn nicht«, sagte sie, »daß Pierre-Emmanuel spottet?«
    Der Herzog musterte mich stirnrunzelnd. Weil ich nach meiner Bemerkung aber eine Unschuldsmiene aufgesetzt hatte, glaubte
     er seiner Schwester nicht.
    »Ach, Ihr seid albern!« sagte er.
    »Schluß jetzt mit dem Theater«, sagte Madame de Guise mit einiger Schärfe. »Pierre-Emmanuel, erzählt, was Ihr wißt.«
    »Madame, es handelt sich um das Priorat von La Charité. La Charité ist eine kleine Stadt bei Nevers. Jeder Prior des Klosters
     ist zugleich Grundherr des besagten Ortes, der nicht ganz unwichtig ist, denn er besitzt eine Brücke über die Loire. Der Herzog
     von Nevers ernennt den jeweiligen Prior, um in seinem Namen die Grundrechte zu genießen. Und als der letzte Prior kürzlich
     von Gott abberufen wurde, wollte Nevers die Vakanz einem anderen seiner Getreuen geben, da erhob Louis Anspruch auf das Priorat
     für seinen eigenen Anwärter.«
    »Und wer ist das?« fragte meine liebe Patin.
    |286| »Ein Sohn von Charlotte des Essarts.«
    »Ach, wie ich die Trine hasse!« sagte Madame de Guise. »Doppelt soviel Busen wie nötig, aber strohdumm!«
    »Ein paar kleine Talente muß sie schon besitzen«, sagte Louise-Marguerite, »denn sie hat diesen armen Tropf von Erzbischof
     schon so viele Jahre fest an Bord! Er soll sie ja sogar geheiratet haben.«
    »Das stimmt«, sagte ich.
    »Was redet Ihr da, Orbieu?« sagte Charles hochfahrend. »Ein verheirateter Kardinal, wo gibt es denn so etwas?«
    »Er hat Charlotte geheiratet, als er noch Kardinal-Diakon war. Wie Ihr wißt, Monseigneur, gibt es in ganz Europa Kardinal-Diakone,
     die tatsächlich Laien sind und nicht die Messe lesen dürfen, trotzdem aber ihre Stimme zur Papstwahl abgeben.«
    »Das weiß ich alles«, sagte Charles, der das alles durchaus nicht wußte.
    »Ein verheirateter Kardinal«, sagte Louise-Marguerite, »mein Geschmack ist das nicht!«
    »Meine Teure«, sagte Charles, »Ihr habt in Eurem Leben weit unappetitlichere Dinge gemacht.«
    »Ruhe, Charles!« herrschte ihn die Herzogin von Guise an, wie sie einen Hund zur Ordnung gerufen hätte.
    Charles wurde rot vor Zorn, daß man ihn vor seinen Geschwistern abzukanzeln wagte, aber die Autorität der verwitweten Herzogin
     war so groß, daß er schwieg.
    »Und was ist bei dem Streit zwischen Nevers und dem Kardinal herausgekommen?« fragte sie mich.
    »Ein Prozeß, Madame.«
    »Den Louis gewinnt?«
    »Das bleibt abzuwarten, leider! Die Diözese Reims liegt wirklich sehr, sehr weit von La Charité. Nevers hat sowohl die Nähe
     wie alte Hoheitsbande auf seiner Seite.«
    »Hört mal, Orbieu«, sagte Charles, »gebt Ihr Nevers etwa recht in diesem Streit?«
    »Aber nein, Monseigneur«, sagte ich mit einer Verneigung. »Wie kann ein Nevers recht haben gegen einen Guise?«
    »Euer Glück!«
    »Charles, Ihr seid ein Schafskopf«, meinte Louise gleichmütig.
    |287| »Tochter!« sagte

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