Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Salomes siebter Schleier (German Edition)

Salomes siebter Schleier (German Edition)

Titel: Salomes siebter Schleier (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Tom Robbins
Vom Netzwerk:
mehr.»
    Ellen Cherry hatte sich nicht groß aufgeregt, als ihre Arbeitsstelle unter Feuer genommen worden war. Das alles war im Juni gewesen, als sie insgeheim noch gehofft hatte, die Sache mit Boomer würde sich wieder einrenken. Jetzt, mit der Aussicht auf die bevorstehende Scheidung, brauchte sie eine Einkommensquelle. Boomer hatte ihr eine großzügige finanzielle Regelung versprochen, wenn seine Ausstellung gut lief, aber lieber verkaufte sie ihr Haar an ein Museum für Naturgeschichte, bevor sie auch nur einen Brosamen von diesem Mistkerl annahm. In ihren düstersten Augenblicken sah sie ihr Haar schon neben einem wolligen Mammut in einem Schaukasten liegen. Schulkinder auf Klassenausflug würden Aufsätze darüber schreiben und ihre kleinen Brüder und Schwestern mit leicht übertriebenen Beschreibungen zu Tode ängstigen. «In der Eiszeit brauchte man einfach ein dickes Fell», würden sie sagen und grässliche Ansichtskarten schwenken.
    Sie war eine der wenigen Angestellten, die in das reinkarnierte I & I zurückkehrten. Die meisten ihrer Kollegen hatten irgendwo anders Arbeit gefunden oder waren sonst wo untergeschlüpft. Als sich der neue Stab zur großen Wiedereröffnung versammelte, sah Ellen Cherry auf den ersten Blick, dass nicht einer darunter war, der etwas von Gastronomie verstand. Die meisten waren jugendliche Idealisten. Manche hatten sich beim I & I beworben, weil es ihnen das Gefühl vermittelte, wichtig zu sein. Andere, so vermutete sie, weil sie Selbstmordgedanken hegten.
     
    «Soll ich noch mal nach den Tischsets sehen, Mr. Cohen?»
    «Nein, nein, nein. Das ist Teddys Sache.» Teddy war der fürs Dinner zuständige Maître d’. «Nu entspannen Sie. Nehmen Sie eine kleine Drink, genießen Sie.»
    «Ich habe bemerkt, dass Sie dauernd auf meine Füße sehen, Sir. Sind diese Schuhe zu … zu auffallend für das I & I?»
    «Nein, nein, nein. Sehr attraktiv, sehr hübsch. Cassini. Ich hoffe, ein Sonderangebot. Wenn Sie brauchen mehr Cassini, ich kann sie besorgen zum Einkaufspreis.» Spike reichte Ellen Cherry ein leeres Glas und nickte in Richtung des Eiskübels. «Aber Sie müssen zugeben – Ihre Schuhe leuchten wie Hadees Zinken.»
    Ellen Cherry lachte höflich. Sie füllte ihr Glas. Es war dieselbe Champagnermarke wie die, mit der Boomer sie im Drive-in-Kino in Montana überrascht hatte. Einen Augenblick wurde ihr schwarz vor Augen. Sentimentale Erinnerungen waren wie Eiszapfen aus Zuckerwasser. Würde man ihr denn nun lebenslang im Herzen herumstochern?
    Draußen auf der United Nations Plaza war das Wasser weicher, aber auch saurer. Der Regen hatte die Farbe und den Geschmack von Krötenschweiß und fiel schon den ganzen Tag. Sogar die mobilen TV -Einheiten, die schon an der Ecke Forty-ninth Street anfingen, nach Parkplätzen Ausschau zu halten, wurden sauer.
    Die Berichterstattung über die Wiedereröffnung des Isaac & Ishmael’s war noch ausführlicher als beim ersten Mal. Ein Restaurant, das sich der jüdisch-arabischen Freundschaft verschrieben hatte, gab vielleicht gutes Dokumentarmaterial ab, aber ein Restaurant, das vor laufenden Kameras in sesamkorngroße Stücke explodierte, war ein potenzieller Aufmacher.
    Gleichzeitig mit den Berichterstattern, wie inszeniert, tauchten die ersten Protestler auf: verstreute kleine Grüppchen von radikalen Zionisten und Palästinensern. Polizeibeamte sorgten dafür, dass sie nicht aneinandergerieten, doch als die Farben auf ihren vom Regen aufgeweichten Transparenten anfingen zu zerlaufen, konnte man nur noch an den Kopfbedeckungen erkennen, wer wer war. «Nu sieh dir an ihre Schuh, welche Ähnlichkeit», sagte Spike. «Ja», stimmte Abu zu, den man aus der Küche vertrieben hatte. «Für einen Vogel in der Luft ist es der Unterschied zwischen Käppis und Feudeln. Für einen Käfer auf der Straße dagegen ist es Jacke wie Hose.»
    Dann, nur wenige Augenblicke bevor um sieben Uhr die Pforten geöffnet wurden, fuhr ein gecharterter Bus vor und spuckte eine gepflegte Mischung von Juden und Ariern aus, die meisten in Burberry-Regenmänteln. Sie waren mit Verstärkern und Lautsprechern bewaffnet, und ihre Transparente forderten in wasserdichten Farben «Wiedergutmachung jetzt!».
    Durch die beschlagenen Scheiben des I & I glaubte Ellen Cherry ihren «Onkel» Buddy zu erkennen. Der Mann kommandierte die Leute herum und schwatzte mit den Polizeibeamten. Er war abgezehrt wie ein Kriegsgefangener und ähnelte so sehr einer Vogelscheuche, dass

Weitere Kostenlose Bücher