Schattenelf - 5 - Die Unterwerfung
Tag ging Paerith in Flammen auf. Ich habe noch versucht, die Verteidigung von Avrou Das zu organisieren, aber –« Er schüttelte hilflos den Kopf, ehe er die Augen schloss und unter heftigem Schluchzen in Tränen ausbrach.
»Wir werden ihnen Einhalt gebieten«, versprach Yatol Wadon. »Wir werden sie zurücktreiben und ihnen die an Euch und Euren Leuten verübten Gräuel heimzahlen. Des Weiteren werde ich Euch beim Wiederaufbau Eurer Städte behilflich sein, mein Freund. Mein Wort darauf!«
Das schien Yatol De Hamman ein wenig zu trösten. Schniefend unterdrückte er seine Tränen, sah zu Mado Wadon und nickte ihm zu, erfüllt von neuer Hoffnung.
Daraufhin bedeutete der Yatol von Jacintha seinen Bediensteten, Yatol De Hamman in ein Privatgemach zu geleiten, wo er sich waschen und ein wenig ausruhen konnte, ehe er selbst sich ebenfalls, von Schlachtszenen und Bildern des brennenden Jacintha verfolgt, in sein Schlafgemach begab.
In dieser Nacht machte er kein Auge zu.
Und als am nächsten Morgen die Kundschafter mit einer präziseren Beurteilung der Ereignisse südlich der Stadt zurückkamen, ahnte Yatol Wadon, dass er möglicherweise noch sehr lange keinen Schlaf finden würde.
»Avaru Eesa, Pruda, Alzuth, Teramen«, zählte Rabia Awou jene Ortschaften auf – nahezu sämtliche größeren Städte im Westen Behrens –, die sich Yatol Bardohs Marsch auf Jacintha angeschlossen hatten.
Als schließlich auch der Name Cosinnida fiel, Yatol Peridans Herrschaftsgebiet im Südosten des Königreiches, schloss Yatol Wadon die Augen. Die Quelle dieser Informationen – Rabia Awou – verbot es Wadon, sie als unbedeutend abzutun. Rabia Awou galt als Jacinthas bester Kundschafter, ein intelligenter Mann, der sich zu tarnen verstand und dabei nicht nur sein Äußeres, sondern sein ganzes Auftreten veränderte und sich dadurch Zugang selbst in die geheimsten Zirkel zu verschaffen vermochte. Einmal, vor langer Zeit, hatte Chezru Douan ihn bei der Unterwanderung eines an den Docks von Jacintha tätigen Diebesrings eingesetzt; damals hatte der kleinwüchsige, schlanke und dunkelhäutige Mann hervorragende Arbeit geleistet. Seine Informationen waren geradezu perfekt gewesen.
»Pruda?«, fragte er dann doch voller Skepsis nach, denn die Stadt Pruda, das ehemalige Gelehrtenzentrum Behrens, hatte sich in kriegerischen Auseinandersetzungen bislang stets neutral verhalten.
»Die Bevölkerung von Pruda verübelt es Euch, dass Ihr Brynn Dharielle erlaubt habt, das ihrer geliebten Stadt gestohlene Inventar der Bibliothek zu behalten«, erklärte Rabia.
Wadon sah ihn fassungslos an. »Wie hätte ich es denn zurückholen sollen?«, fragte er. »Oder haben die ehrbaren Bürger Prudas vielleicht die Absicht, beim Marsch auf Dharyan-Dharielle und gegen den Drachen von To-gai die Vorhut zu bilden?«
Rabia Awou zuckte mit den Achseln, als ginge ihn das im Grunde nichts an, was natürlich auch stimmte. »Sie suchen einen Sündenbock, dem sie die Schuld für den ungeheuren Verlust in die Schuhe schieben können«, erklärte er. »Und dieser Sündenbock seid Ihr.«
»Yatol De Hamman hat behauptet, die vereinigte Armee, die den Kampf gegen ihn eröffnete, sei seinen Truppen fünffach überlegen gewesen …«
»Dann kann es sich nicht einmal um die Hälfte von Bardohs Armee gehandelt haben«, erwiderte Rabia Awou düster, eine Feststellung, deren Bedeutung Yatol Wadon beinahe den Atem verschlug.
Auf einmal wurde ihm klar, dass Jacintha verloren war.
Kaum noch eines klaren Gedankens fähig, wandte er sich zur Seite, zum Ostfenster des Zimmers, und blickte über die Bucht zu den winzigen Punkten am Horizont.
Im frühabendlichen Zwielicht konnten Brynn und ihre Gefährten deutlich erkennen, wo die Flüchtlingskolonnen endeten und wo die Woge der sie verfolgenden Krieger begann. Pherol setzte sie und ihre drei Begleiter auf einer hohen Sanddüne ab, von der aus man die von Norden nach Süden führende Küstenstraße gut überblicken konnte. Im Süden waren die Flammen, die in Avrou Das wüteten, deutlich zu erkennen; aber noch eindringlicher als dieses Trauerspiel waren die entsetzten Schreie, die über die flache Sandebene zu ihnen drangen.
»Schnappt Euch Eure Bestie und eilt ihnen endlich zu Hilfe!«, drängte Paroud Brynn. »Oder wollt Ihr einfach hier herumstehen und tatenlos zusehen, wie all diese Menschen ums Leben kommen? Habt Ihr denn weder Gewissen noch Mitgefühl?«
Pherol, hinter seinem Rücken, ließ ein leises, grollendes
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