Schwarze Blüte, sanfter Tod
Dummheiten und Unzulänglichkeiten, mit denen uns die Weisungen aus dem Mutterland beglückten. Das vermischte sich zu einem Brei, der weder Londonern noch Pekingern schmecken konnte, zuallerletzt uns.
Ãber das Chaos auf dem neuen Flughafen, dem gröÃten, aber auch teuersten der Welt, sprach schon bald kaum noch einer. Die Frachtflüge wurden, ohne viel darüber zu brüten, ohnehin wieder über den alten abgewickelt.
Meine Mutter mit ihrem Restaurant in Wanchai zählte zu den wenigen Glücklichen, denen die Gäste nicht gerade scharenweise wegblieben â die Zahl der Touristen, die für uns so willkommene Devisenbringer gewesen waren, ging erheblich zurück. Sie stand jetzt etwa bei der Hälfte im Vergleich zu früher. Während nämlich in fast allen Nachbarländern um den Pazifik herum die Währungen nachgaben, blieb unser Dollar unverändert teuer. Zu viele, die uns in vergangenen Tagen besucht hatten, im Urlaub, zum Einkaufen, auch oft nur aus purer Freude an unserem Lebensstil, den sie ein Wochenende lang genieÃen wollten, unbeschwert, zusammen mit einer verfügbaren Schönheit, blieben deshalb weg.
Das verdarb den Hoteliers das Geschäft. Im Excelsior , wo meine Freundin Pipi an der Rezeption stand, blieben schon nicht mehr nur die teuersten Suiten leer, auch für die billigen Etagen wurden die Buchungen spärlicher. Zimmerkellner, Etagenboys, Reinemachfrauen, aber auch Küchenpersonal machte die Erfahrung, daà ein Arbeitsloser auch in Hongkong nicht etwa besser lebt als anderswo.
Aber nicht nur die Hoteliers hatten ihre Sorgen. Wenn man in Victoria oder Kowloon durch die StraÃen mit den Läden schlenderte, fielen einem überall Schilder mit einem Wortlaut auf, den man in der prosperierenden Vergangenheit Hongkongs kaum so oft gesehen hatte: AUSVERKAUF WEGEN GESCHÃFTSAUFGABE! Selbst Kaufhäuser schlossen. Und bei den Nobelboutiquen herrschte die groÃe Flaute â Hongkong tröstete sich im Augenblick damit, daà es den Nachbarn nicht viel besser erging, und daà die Zeiten sich erfahrungsgemäà eben immer mal wandelten, also auch wieder bessern würden â allein ein Boom war es nicht, der auf die Einvernahme durch das Mutterland gefolgt war.
»MäÃig«, sagte ich deshalb auf die direkte Frage der Dame Wei Wen-tang, nachdem ich die Bilder der letzten Monate noch einmal in meiner Erinnerung hatte abrollen lassen wie einen Film.
»Schade«, befand sie. Zu meiner Ãberraschung kein schadenfrohes Feixen. Eher ein Bedauern. Aber das hielt nicht lange an. Sie war wohl nicht der Typ der Grüblerin, der sich über das, was man gemeinhin Schicksal nannte, allzu lange Gedanken machte. Vielmehr fragte sie mich geradeheraus: »Wie hat Ihnen unsere Vorstellung gefallen?«
Ich hatte einen Augenblick mit dem Gedanken gespielt, sie daran zu erinnern, daà es nicht nur um Hongkong gegenwärtig etwas mäÃig stand. Im Zentralteil des Mutterlandes trat nach den letzten Meldungen der Yangtse über die Ufer und bedrohte ganze Provinzen mit Ãberschwemmungen, wie sie das Jahrhundert, das sich zum Abschied anschickte, nicht gekannt hatte.
Aber ich überlegte es mir und erwähnte das nicht. Wir waren keine Politiker, und zum Austausch aktueller Nachrichten waren wir eigentlich auch nicht zusammengekommen.
»War sehr amüsant«, antwortete ich deshalb. »Ein Stück Tradition. Mit so etwas sind wir früher nicht so oft beglückt worden. Man muÃte es suchen. AuÃerdem hat diese alte Kunstform natürlich ihre bestimmten Freunde, und die moderneren Formen sind populärer, jedenfalls hier. Die bekamen wir ja förmlich nachgeworfen ...«
Sie lachte. »Bei uns war das umgekehrt!«
Vieles war umgekehrt, dachte ich. Und es wird auch noch über einige Generationen nicht alles in ein und derselben Richtung laufen, im Mutterland und bei uns. Aber das ist eben so eine Eigenart, die das Leben an sich hat, es kümmert sich nicht darum, ob es den Leuten gefällt oder sie es verfluchen â es macht Schritte. Ob man sie nach vorwärts sieht oder nach rückwärts, das ist Ansichtssache, wie das Urteil über die Leistung eines Schauspielers etwa, das kann auch recht unterschiedlich ausfallen.
Sie stimmte mir zu, als ich das sagte. Und dann erzählte sie von den Schwierigkeiten bei der Aufführung von Szenen, von der Bürokratie, die der Truppe vorschrieb,
Weitere Kostenlose Bücher