Schwarzes Echo
›Schwarze Echo‹. Es war, als würde ma n zur Hölle fahren. Man war da unten und konnte seine eigene Angst riechen. Da unten war man wie tot.«
Stück für Stück hatten sie sich einander zugewandt, so daß sie sich jetzt gegenüberstanden. Forschend betrachtete er ihr Gesicht und sah etwas, das er für Mitgefühl hielt. Er wußte nicht, ob es das war, was er wollte. Darüber war er längst hinaus. Aber was er wollte, wußte er auch nicht.
»Wir ängstlichen, kleinen Kinder, wir haben uns gegenseitig den Treueeid geleistet. Jedesmal, wenn einer in einen der Tunnel stieg, haben wir ihn wiederholt. Der Schwur lautete, daß – egal was da unten passierte – keiner zurückbleiben durfte. Egal, ob einer da unten krepierte, man würde ihn nicht zurücklassen. Denn sie taten einem Dinge an. Wie die Psychopathen bei uns. Und es hat funktioniert. Keiner wollte zurückbleiben, weder tot noch lebendig. Ich hab’ mal in einem Buch gelesen, daß es egal ist, ob man auf einem Hügel unter einem Gra bstein aus Marmor oder im Ölsumpf begraben liegt. Wenn man tot ist, ist man tot.
Aber wer immer das geschrieben hat, er war nicht da drüben. Wenn man lebt, aber dem Tod so nah ist, denkt man an solche Dinge. Und dann ist es einem nicht egal … Also haben wir diesen Schwur abgelegt.«
Bosch wußte, daß er nichts erklärt hatte. Er sagte, er wollte noch ein Bier holen. Sie sagte, sie hätte noch genug. Als er wieder nach draußen kam, lächelte sie ihn an und sagte nichts.
»Ich will Ihnen eine Geschichte von Meadows erzählen«, sagte er. »Man hat es folgendermaßen gemacht: Man hat zwei, vielleicht drei Tunnelratten einer Einheit zugeteilt. Wenn die auf einen Tunnel stieß, sind wir kurz runter, haben nachgesehen, Sprengsätze gelegt, was auch immer.«
Er nahm einen tiefen Zug von seinem Bier.
»Und so sind Meadows und ich mal – es muß 1970 gewesen sein – hinter einer Patrouille hergetrabt. Wir waren in einer Hochburg der Vietcong. Alles war mit Tunneln durchlöchert. Jedenfalls befanden wir uns etwa drei Meilen vor einem Dorf, das Nhuan Luc hieß, als wir eine Vorhut verloren. Der Mann wurde … Tut mir leid, wahrscheinlich wollen Sie das gar nicht hören. Wegen Ihrem Bruder und so.«
»Doch, ich will es hören. Bitte.«
»Diese Vorhut wurde also von einem Pionier erschossen, der in einem Spinnenloch hockte. So wurden die kleinen Tunneleingänge genannt. Also hat einer den Pionier abgeknallt, und dann mußten Meadows und ich runter in das Loch, um nachzusehen. Wir sind reingeklettert und mußten uns gleich trennen. Es war ein riesiges Netz. Ich bin in die eine Richtung gegangen und er in die andere. Wir hatten gesagt, wir wollten eine Viertelstunde laufen, die Zünder auf zwanzig Minuten stellen und dann umkehren und auf dem Weg weitere Sprengsätze legen … Ich weiß noch, daß ich da unten ein Krankenhaus fand. Vier leere Grasmatten, einen Vorratsschrank, alles mitten in diesem Tunnel. Ich weiß noch, daß ich dachte, Himmelherrgott, was wird wohl hinter der Kurve sein? Ein Drive-In-Kino, oder was? Ich meine, diese Leute hatten sich richtig eingegraben … Jedenfalls war da drinnen dieser kleine Altar, auf dem Weihrauch brannte. Immer noch brannte. Da wußte ich, daß sie noch irgendwo waren, die Vietcong, und es machte mir Angst. Ich hab’ einen Sprengsatz hinter dem Altar versteckt und bin so schnell wie möglich zurück. Auf dem Weg hab ich noch zwei weitere installiert und so eingestellt, daß alles auf einmal hochging. Ich komm’ also wieder an unsere Einstiegsstelle zurück, das Spinnenloch, und Meadows ist nicht da. Ich hab’ ein paar Minuten gewartet, und die Zeit wurde knapp. Keiner möchte gern da unten sein, wenn das C-4 losgeht. Manche von diesen Tunneln sind hundert Jahre alt. Ich konnte nichts tun, also bin ich rausgeklettert. Oben war er auch nicht.«
Er legte eine Pause ein, um etwas Bier zu trinken und über die Geschichte nachzudenken. Sie beobachtete ihn genau, drängte ihn aber nicht.
»Ein paar Minuten später gingen meine Sprengsätze los, und der Tunnel, zumindest der Teil, in dem ich gewesen war, stürzte ein. Wer immer da drinnen gewesen war, war tot und begraben. Wir warteten zwei Stunden, bis sich Rauch und Staub gelegt hatten. Wir schlossen einen Mighty-Mite-Ventilator an und bliesen Luft in den Einstiegsschacht. Man konnte sehen, wie der Rauch rausgedrückt wurde und aus den Luftlöchern und den anderen Eingängen überall im Dschungel stieg.
Und als alles wieder klar war,
Weitere Kostenlose Bücher