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Shardik

Titel: Shardik Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Richard Adams
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Knabe, der dauernd zitterte und bei jeder Bewegung Gensheds zusammenzuckte, mußte stehen bleiben, wo er war, während der Händler die anderen hinter ihm prüfte. Ein zweiter, der nicht stillbleiben konnte, sondern dauernd murmelte und an den Wunden in seinem Gesicht und den Schultern zupfte, wurde mit Hilfe der Fliegenfalle zum Schweigen gebracht, bis Genshed mit ihm fertig war.
    Schreihals und Bled nahmen die Knaben, sobald sie den Sklavenhändler verließen, in Empfang und fesselten sie mit dünnen, durch ihre Ohrläppchen gezogenen Ketten zu dritt oder zu viert aneinander. Jede Kette wurde an dem einen Ende an einer kurzen Metallstange befestigt, das andere wurde am Gürtel oder Handgelenk eines Aufsehers eingehakt. Als diese Vorbereitungen beendet waren, legten sich alle, wo sie auf dem Sumpfboden standen, zum Schlafen nieder.
    Kelderek war von Radu getrennt und, wie die anderen, angekettet worden; er lag zwischen zwei viel jüngeren Knaben und erwartete jeden Augenblick, daß eine Bewegung des einen oder anderen die Kettenglieder wie Sägezähne durch sein wundes Ohrläppchen ziehen würde. Bald merkte er jedoch, daß seine Gefährten, die mehr Übung als er darin besaßen, das Elend erträglich zu machen, ihn wahrscheinlich weniger stören würden als er sie. Sie bewegten sich selten und kannten den Trick, ihre Köpfe zu drehen, ohne dabei die Kette zu spannen. Nach kurzer Zeit stellte er fest, daß beide, jeder auf seiner Seite, nah an ihn herangerückt waren.
    »Daran bist du noch nicht gewöhnt, wie?« flüsterte der eine Knabe im breiten Paltesher Dialekt, den Kelderek kaum verstand. »Er hat dich heute gekauft, nicht wahr?«
    »Er hat mich nicht gekauft, sondern im Wald gefunden – ja, es war heute.«
    »Dachte ich mir. Du riechst nach frischem Fleisch – das tun Neue oft, es hält nicht lange an.« Er brach ab, hustete, spuckte zwischen ihnen auf den Boden und sagte dann: »Der Trick ist, dicht beisammen zu liegen. Es ist wärmer, und die Kette bleibt schlaff, verstehst du, wenn sich einer bewegt, zerrt sie nicht.«
    Beide Kinder hatten Ungeziefer und kratzten sich dauernd an den feuchten, schmutzigen Lumpen, die ihre mageren Körper bedeckten. Bald aber merkte Kelderek ihren Geruch nicht mehr, sondern nur den des Schlamms, in dem er lag, und das Pochen seines verwundeten Fingers. Um seine Gedanken abzulenken, flüsterte er dem Knaben zu: »Wie lange bist du schon bei dem Mann?«
    »Fast zwei Monate, glaube ich. Er kaufte mich in Dari.«
    »Kaufte dich? Von wem?«
    »Von meinem Stiefvater. Vater ist mit General Gel-Ethlin gefallen, als ich noch sehr klein war. Mutter wohnte dann im vorigen Winter bei diesem Mann, und er mochte mich nicht, weil ich nicht rein bin. Als die Händler kamen, verkaufte er mich.«
    »Versuchte deine Mutter nicht, ihn daran zu hindern?«
    »Nein«, antwortete der Knabe gleichgültig. »Du hattest wohl Proviant, nicht wahr, aber er nahm ihn dir fort?«
    »Ja.«
    »Schreihals sagte, es ist fast gar nichts mehr von dem Scheißfraß übrig«, flüsterte der Knabe. »Sagte, sie wollten noch etwas einkaufen, aber hier gibt es keinen Drecksort, wo man etwas bekommt.«
    »Weißt du, warum Genshed in diesen Wald kam?« fragte Kelderek.
    »Soldaten, sagte Schreihals.«
    »Was für Soldaten?«
    »Weiß ich nicht. Nur mag er keine Soldaten. Deshalb spannte er das Seil über den Fluß; um von den Soldaten fortzukommen. Bist du hungrig?«
    »Ja.«
    Er versuchte zu schlafen, aber es gab keine Ruhe. Die Kinder wimmerten, redeten im Schlaf, schrien in Alpträumen auf. Die Ketten rasselten, es bewegte sich etwas zwischen den Bäumen. Plötzlich sprang Bled auf und schnatterte wie ein Affe, dabei riß er an allen Ketten, die an ihm befestigt waren. Kelderek hob den Kopf und konnte unweit die bucklige Gestalt des Sklavenhändlers sehen, der die Arme um seine Knie geschlungen hielt. Er sah nicht aus wie jemand, der Schlaf sucht. War er sich – wie Kelderek – der Gefahr wilder Tiere bewußt, oder war es vielleicht möglich, daß er keinen Schlaf brauchte, daß er nie schlief?
    Nach einiger Zeit verfiel er in Halbschlaf, und als er erwachte – er wußte nicht, nach wie langer Zeit –, merkte er, daß das Kind neben ihm fast lautlos weinte. Er streckte die Hand aus und berührte es. Sofort hörte das Weinen auf.
    »Es kann noch viel geschehen«, flüsterte Kelderek. »Hast du an deine Mutter gedacht?«
    »Nein«, antwortete der Knabe, »an Sirit.«
    »Wer ist Sirit?«
    »Ein Mädchen, das bei

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