Silber
sie einer Spur aus Brotkrumen gefolgt war, und dass sie sie den ganzen Weg über aufgelesen hatte, ohne zu begreifen, was sie eigentlich bedeuteten. Doch jetzt hatte sie es begriffen. Sie wusste, mit wem sie es zu tun hatten. Sie wusste, wie ihre Rollen zueinanderpassten. Alles ergab einen Sinn.
Sie rief Lethe vom Apparat der Kröte aus an und teilte ihm ihre Schlussfolgerungen mit.
Dann wartete sie darauf, dass Mabus, der Herold, nach Hause kam.
Während sie wartete, ging die Sonne unter.
Sie hörte, wie im Erdgeschoss die Haustür zufiel.
Die Kröte war zu Hause.
Orla wartete.
Sein schweres Atmen war deutlich zu hören, als er sich über die breite Treppe nach oben kämpfte. Gavrel Schnur war nur noch die Karikatur eines Mannes. Er keuchte und bekam kaum noch Luft, bevor er nur die Hälfte des Aufstiegs geschafft hatte. Orla wartete geduldig und betrachtete ihre geisterhafte Reflexion im Fenster.
Der Kröten-Mann betrat sein Studierzimmer. Er blieb verdutzt stehen und starrte auf das Spiegelbild des Teufels, der das blaue Kleid seiner Frau trug, dann fand er seine Fassung wieder. „Glauben Sie wirklich, ich würde Sie verschonen, nur weil Sie ein Kleid meiner Frau und diese Frisur tragen?“, sagte er. Es waren die letzten Worte, die er jemals sagte. Orla drehte sich langsam mit dem Stuhl herum. Sie sah ihm in die Augen. Die Arroganz verschwand aus seinem Gesicht, als er die Jericho 941 sah, die in der Hand auf ihrem Schoß ruhte. Sie sah nicht den Mann, der für ihre Folter verantwortlich war. Sie sah nicht den Mann, der hinter den Terrorangriffen auf Berlin, Rom und all die anderen Städte steckte. Sie sah nur einen fetten, ängstlichen Mann, der nie über den Verlust seiner Frau hinweggekommen war.
Und in diesem Moment war es völlig egal, ob sie noch sieben oder vier Kugeln übrig hatte.
Sie würde nur eine brauchen.
29
DER SÜNDENBOCK
Konstantin Khavin wusste nicht, wo er war.
Ein Glas Wasser stand auf dem Tisch, daneben ein Aufnahmegerät und ein Mikrofon; auf der anderen Seite des Tisches waren zwei Stühle. Er war allein in dem Raum. Sie arbeiteten in Schichten und ließen ihn nicht schlafen. Sie hatten seine Fingerabdrücke genommen und durch ihre Datenbanken gejagt. Sie wussten, wer er war. Und noch schlimmer, sie wussten auch, was er war. Sie fragten ihn, für wen er arbeitete, ob noch jemand anders mit ihm in Deutschland war, und weshalb er den Papst ermordet hatte. Dann brachte jemand ein Foto von ihm, das eine Sicherheitskamera in Berlin am Tag des Giftgasanschlags aufgenommen hatte.
Sie legten das Bild vor ihm auf den Tisch und fragten: „Sind Sie das?“ Er konnte es schlecht leugnen, es war ein gutes Foto. Sein Gesicht war scharf und klar von vorn aufgenommen. Jede halbwegs anständige Gesichtserkennungssoftware hätte ihn damit identifizieren können. Es war zwecklos, zu lügen. „Ja“, antwortete er, und schon hatten sie einen musterhaften Hauptverdächtigen für gleich zwei soziopathische Verbrechen.
Sie wussten, wozu er ausgebildet worden war. Sie wussten, dass er mit diversen Befragungstechniken und Foltermethoden vertraut war. Und es war ihnen klar, dass dieses Wissen nicht nur theoretischer Natur war.
Sie kamen wieder herein.
„Ich will Ihnen nichts vormachen“, sagte die Frau und nahm auf dem ersten der beiden Stühle Platz. „Es sieht nicht besonders gut für Sie aus, Konstantin. Ihre Geschichte ist geplatzt.“
Ihr Partner, ein grimmig blickender Bodybuilder in einem dunklen Anzug, ließ sich auf den Stuhl neben ihr sinken.
„Meine Kollegin will damit höflich ausdrücken, dass Sie am Arsch sind, Genosse. Wir haben Hunderte von Augenzeugen, Videoaufnahmen und Ihre Fingerabdrücke auf der Tatwaffe – wir haben alle materiellen Beweise, die man sich nur wünschen kann, inklusive der vereidigten Zeugenaussage des Schweizergardisten, der versucht hat, Sie aufzuhalten.
Das
hat sie gemeint, als sie sagte ‚Es sieht nicht besonders gut aus‘. Und es sieht noch wesentlich schlechter für Sie aus, wenn man dieser Backmischung Ihre eigene Geschichte hinzufügt. Sie sind ein russischer Überläufer, Konstantin. Hat das Wort ‚Loyalität‘ denn gar keine Bedeutung für Sie? Oder bedeutet es Ihnen vielleicht sehr viel, und Sie sind in Wahrheit so etwas wie ein Schläfer? Hat man Sie auf diese Seite der Mauer gepflanzt, um zu warten, bis Sie reif für Ihre Mission waren, Konstantin? Hat man Sie ‚losgelassen‘, damit Sie Ihren Auftrag jetzt, viele Jahre später,
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