Speichelfaeden in der Buttermilch
schluckte. Mein Gott, wenn ich da an meine Kindheit denke, wie schön war's damals! Und wie schrecklich ist's heut! Mir hat der Weihnachtsiltis in den Hals gebissen. So kommt nur schwer etwas wie Weihnachtsstimmung auf.
16.12.
Liebes Tagebuch, wer bei FM4 arbeitet, gilt als schwer vermittelbar. FM4 nennt man auch den »Vierten Arbeitsmarkt«. Gegen uns finden Leute aus geschützten Werkstätten im Nu einen normalen Job. Mirjam Unger hat's erst jetzt wieder am eigenen Leib erfahren müssen. Sie leidet ja seit Jahren darunter, dass man bei FM4 kein Geld verdient, sondern symbolisch am Monatsende einen Stein bekommt, den man theoretisch ja, so die Geschäftsführung, verkaufen und zu richtigem Geld machen könnte. Aber wer kauft schon stinknormale Kieselsteine? Also beschloss sie naiverweise, sich woanders zu bewerben. Der grinsende Typ beim Arbeitsamt hielt sich die vollgefressene Wampe, als sie in der Rubrik »Qualifikation« FM4 angab. Er gab ihr die Telefonnummer einer rumänischen Schlepperbande, die suchen immer mal sogenannte Dummies, die bei Nacht auffällig über die grüne Grenze laufen, um die Grenzbeamten abzulenken. Aber nicht mal die Schlepper nahmen sie. Muss sie also weinenden Herzens weiter bei FM4 arbeiten.
Liebes Tagebuch, Zita Bereuter ist traurig. Ich habe sie getröstet, dabei ist sie selbst schuld. Wie kann sie ernsthaft auf die Idee kommen, sich für wissenschaftliche Tests als Testperson zu bewerben? Ich verstehe die Kollegen einfach nicht. Wie Pawlowsche Hunde versuchen sie immer und immer wieder, aus dem FM4- Zwinger auszubrechen, anstatt sich einfach in ihr Schicksal zu fügen. Andreas Ederer hat mir erklärt, das liege am Überlebenswillen, der dann riesige Kräfte freisetzt – und schwupps, schon traut man sich auf den freien Arbeitsmarkt. Und wofür? Andreas hat sich als Probepatient für blinde Zahnmediziner beworben und ist es nicht geworden. Christian Davidek hat sich als Reptilienfutterersatz beworben, Andreas Schindler als Leihmutter für Roys Tiger, Andreas Grünewald als menschlicher Schienenersatz. Wenn nicht nur Züge, sondern auch Busse ausgefallen wären, hätte er Passagiere tragen müssen – aber alle sind sie nicht genommen worden. Kein Verwendungszweck für FM4- Mitarbeiter, niemals und nirgendwo. FM4 , Zufluchtsort der Gescheiterten.
17.12.
Senderchefin Eigensperger bat die Mitarbeiter, ihre Weihnachtswünsche ans Christkind bei ihr im Chefbüro abzugeben. Dieser seltene Anflug von Menschlichkeit hat vor allem den älteren Mitarbeitern Tränen in die Augen getrieben. Alle griffen sofort ergriffen zum Briefpapier. Fritz Ostermayer bat schriftlich erneut um die Erlaubnis, wenigstens viermal im Jahr alkoholisiert auf Sendung gehen zu dürfen, der schrullige Moderator Hermes wünscht sich mehr Bewegungsfreiheit beim Moderieren, der Exzentriker möchte im nächsten Jahr während des Moderierens mit Hilfe eines Hakens an der Studiodecke fledermausgleich von der Decke hängen, Praktikant Schindler wünscht das Entfernen der Fußfessel, und New York-Korrespondent Smash wünschte sich via E-Mail eine Geldüberweisung von zumindest 110 Dollar, um wenigstens ein Zehntel seiner Crackschulden zu bezahlen. Ich selbst, so formulierte ich in meinem Brief, wünsche mir endlich, endlich einen kompetenteren, stärkeren, schlagfertigeren, intelligenteren Sidekick für »Salon Helga«.
Schlau ist sie, unsere Chefin. In einem gruppendynamisch hochinteressanten Experiment teilte sie alle Weihnachtswünsche – gemischt in einer Lostrommel – wieder an die Mitarbeiter aus, mit der Bitte, den Wunsch zu erfüllen, der sich im Kuvert verbirgt. Grissemann hat Ostermayers Wunsch gezogen und ist mit Fritz sofort polternd in die Kantine abgerauscht. Mirjam Unger zersägt gerade die Fußfessel von Praktikant Schindler, und Musikchef Makossa überweist per Internet-Banking dem armen Smash sein Drogengeld. Ich … na ja … Dreimal darfst du raten, Tagebuch … Ich muss dem blöden Schwein Grissemann einen Nachfolger für mich selbst suchen. Ich hasse Weihnachten … Dieses Fest ist echt das Letzte.
18.12.
»Gerade zur Weihnachtszeit ist es unsere verdammte Pflicht, den Mitarbeitern, die die Lebensmitte weit hinter sich gelassen haben, besondere Aufmerksamkeit zukommen zu lassen«, flötete Senderchefin Eigensperger vorgestern in der obligaten Krisensitzung um 5 Uhr früh. Gemeint waren zuallererst die gebrechlichen Kollegen Freemann, Larkin, und Stermann. Alle drei sind seltsam
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