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Stein und Flöte

Stein und Flöte

Titel: Stein und Flöte Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Hans Bemmann
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Augen, öffnete die Kette ohne Schwierigkeiten und wollte sie beiseite legen, doch Belenika flüsterte noch einmal befehlend: »Einschließen!«
    Da bettete die Dienerin Belenika auf die Kissenbank an der Zeltwand, schob ihr Polster unter Kopf und Schultern und holte das Kästchen herbei. Sie legte die Kette hinein, schloß es mit dem Schlüssel ab, der um Belenikas Hals hing, und stellte das Kästchen wieder an seinen Platz. Als sie sich dann wiederum die Wunde ihrer Herrin kümmern wollte, schüttelte Belenika den Kopf und sagte leise: »Laß das! Hat keinen Sinn: Das Kästchen – sorge dafür – in mein Grab legen! Versprich das!«
    Die Magd legte die Rechte auf ihr Herz und verbeugte sich tief; vielleicht war das ihre Art, ein Versprechen zu beteuern. Ob sie stumm war? Es schien ihm fast so; denn außer dem Schreckensschrei war während all dieser Vorgänge noch nie ein Laut über ihre Lippen gekommen. Sie erkannte jetzt wohl, daß ihrer Herrin nicht mehr zu helfen war; denn sie blieb neben ihrem Lager am Boden sitzen, preßte weiter den Leinenbausch auf die Wunde und strich Belenika vorsichtig die wirren Haare aus dem Gesicht.
    Dann hörte man im äußeren Zeltraum rasche Schritte, gleich darauf wurde der Teppichvorhang zur Seite gerissen, und Höni stürzte herein. »Der Khan hat deinen Falken mit einem Pfeil verwundet!« rief er, und erst dann sah er Belenika auf der Wandbank liegen, sah ihr totenbleiches Gesicht, das Blut auf ihren Lippen und das blutgetränkte Leinenzeug auf ihrer Brust. Er blieb mitten im Raum stehen und starrte auf sie nieder. »Wieso bist du …«, stammelte er, und dann konnte man am Ausdruck seines Gesichtes ablesen, daß er plötzlich begriff. Er stürzte neben dem Lager seiner Frau auf die Knie und sagte tonlos: »Du warst selber der Falke, Belenika.«
    Belenika schaute ihn mit ihren grünen Augen an und flüsterte: »Hast du das wirklich nicht gewußt, Höni?«
    Dann überfiel sie wieder dieser keuchende Husten. Nachdem ihr die Dienerin das Blut von Mund und Kinn gewischt hatte, sagte Belenika stockend: »Es war meine Schuld. Ich bin gegen besseres Wissen geflogen – böses Vorzeichen für deinen Plan – bleibt bei der Horde –« Die letzten Worte waren kaum noch zu verstehen. Ihr Kopf fiel zurück auf die Kissen, und sie tat ihren letzten Atemzug.
    Als Höni sah, daß sie tot war, schrie er, als habe ihn selbst dieser Pfeil getroffen. Er sprang auf und brüllte: »Das sollst du mir büßen, Khan Hunli! Unglück soll über dich kommen, dein Pfeil soll nicht mehr treffen und dein Pferd den Dienst verweigern! Ein Verlierer sollst du sein bei allem, was du beginnst!«
    Die Dienerin war erschreckt über diesen Ausbruch zur Wand zurückgewichen. Als Höni verstummte und nur noch mit hilflos herabhängenden Armen in der Kammer stand und auf seine tote Frau starrte, nahm die Dienerin das Kästchen, legte es auf Belenikas Brust und versuchte, Höni irgend etwas durch Gesten mitzuteilen. Während er ihr verständnislos zuschaute, bewegte sich der Teppichvorhang, und Narzia kam herein.
    »Warum schreist du so?« fragte sie. »Was ist geschehen?« Dann sah sie die blutbefleckte Leiche ihrer Mutter. Vom einen zum andern Augenblick wurde ihr Gesicht so weiß wie das der Toten. »Wer hat das getan?« flüsterte sie, und als ihr Vater weiterhin wie erstarrt stehenblieb und keine Antwort gab, packte sie ihn beim Arm und wiederholte ihre Frage. Da endlich bemerkte Höni seine Tochter, schaute sie an und sagte tonlos: »Der Khan hat heute früh einen Falken geschossen.«
    Narzia blickte zu ihrer toten Mutter und fragte: »Wußte er, wen sein Pfeil treffen würde?«
    Höni zuckte mit den Schultern und sagte: »Er meinte wohl, daß deine Mutter einen Falken hielt, um geheime Botschaften nach Falkenor zu schicken.« Dann bemerkte er, daß die Dienerin sich noch immer bemühte, ihm etwas verständlich zu machen, das mit dem Kästchen zu tun hatte. »Begreifst du, was die Stumme von mir verlangt?« fragte er seine Tochter.
    Narzia ging hinüber zu der Dienerin und folgte aufmerksam dem gestenreichen Spiel ihrer Hände, die das Kästchen immer wieder auf die Brust ihrer toten Herrin legten und dann über deren Leichnam etwas aufzuhäufen schienen. »Ich glaube, ich weiß, worum sie dich bitten will«, sagte Narzia. »Du sollst Mutter dieses Kästchen mit ins Grab geben.«
    »Verstehst du, was das zu bedeuten hat?« fragte Höni. »Was ist das für ein Kästchen?«
    Statt ihm zu antworten, sagte

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