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Sternenwind - Roman

Sternenwind - Roman

Titel: Sternenwind - Roman Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Blanvalet-Verlag <München>
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Hochwegs.
    Ich biss mir auf die Lippe. Bryan litt darunter, dass er keine eigenen Entscheidungen treffen durfte. Wenn er wütend wurde, war ich es, die ihn beruhigte, die ihm zuhörte, die seine Hand hielt oder ihm zusah, wie er auf und ab ging. Wer würde all das für ihn tun, wenn ich fort war? Ich klammerte mich an ihn, zitternd, ich hatte Angst um ihn. Nach einer Weile brachte ich heraus: »Ich möchte, dass auch du bei uns bist. Aber du weißt, dass einer von uns hierbleiben muss, um mitzukriegen, was die Leute sagen, während wir unterwegs sind.«
    »Nava will mich nicht aus den Augen lassen. Ich mache ihr Angst.«
    Weil er so stark war. Weil jeder an seinen dicken Muskeln, seinem breiten Rücken und seiner Größe erkannte, wie stark er war. »Versprichst du mir, vorsichtig zu sein? Dass du niemanden wütend machst oder selber wütend wirst, ganz gleich, was die Leute sagen? Versprichst du mir, dass du mit jemandem redest, wenn du Hilfe brauchst? Gianna ist fair, Lyssa und Eric auch … tu es für uns.«
    »Es wäre mir lieber, wenn du hierbleiben würdest.«
    »Joseph braucht mich.«
    Er drückte mich noch fester an sich, und seine Arme zitterten leicht. »Vielleicht brauche ich dich auch. Du wirst mir schrecklich fehlen. Ihr alle, aber ganz besonders du, Chelo.«
    Tränen liefen mir über die Wangen. Bryan küsste mich auf die Stirn, und mein Schluchzen verstärkte sich, als würde eine Flutwelle aus Schmerz und Zorn aus mir hervorbrechen, während Bryan mich festhielt. Dabei war ich immer die Ausgeglichene gewesen, diejenige, die nicht weinte, die allen anderen half. Nicht nur ich, sondern auch Bryan, und wir hatten uns gegenseitig geholfen.
    Nachdem meine Tränen getrocknet waren, gingen wir zurück, schweigend, Arm in Arm. Worte hätten uns nur zusätzlich belastet.
    Nava hatte ein ganzes Huhn gekocht, das sie mit frischem Brot und gedünsteten gelben Bohnen servierte. Es war Toms Lieblingsessen. Zu meiner Überraschung aß ich meinen Teller restlos leer. Während der Mahlzeit beobachtete ich Nava und suchte nach Hinweisen. Sie wahrte eine gut gelaunte, aber leere Miene. Ihre Worte waren gut gelauntes, aber leeres Geplauder. Ich musste mit ihr reden, sie überzeugen, dass sie mit einer Entscheidung wartete, bis wir zurückgekehrt waren. Sobald das Geschirr ordentlich gespült, abgetrocknet und eingeräumt war, fragte ich sie: »Nava, könnten wir zusammen einen kleinen Spaziergang machen?«
    Sie lächelte, als hätte sie mit einer solchen Einladung gerechnet, und hielt mir die Tür auf. Wir traten in einen kühlen, nebligen Abend hinaus. Zwei Monde, Wunschstein und Ackermann, hingen über uns am Himmel. Durch eine besondere Konstellation schienen sie sich sehr nahe zu sein, obwohl Ackermann anderthalb mal so weit entfernt und viel kleiner war. Nachtvögel sangen, und kleine Tiere huschten raschelnd durch das niedrige Gras und Gebüsch neben dem Pfad. Ich steuerte den Weg zwischen Park und Fluss an, während ich mir nicht ganz sicher war, was ich sagen sollte. Nava schien bereit zu sein, mir so viel Zeit zu lassen, wie ich brauchte.
    Als wir den Fluss erreichten, wurde mir klar, wo ich anfangen musste, obwohl es mir schwerfiel, meinen Frust so weit zurückzudrängen, dass es aufrichtig klang. »Danke, dass du Alicia geholfen hast, Nava.«
    Sie ging mit zügigen Schritten, die Hände in den Hosentaschen, den Kopf gesenkt. »Ich glaube, was Ruth sagt. Nicht unbedingt die Sache mit Varay – schließlich kann sie nicht wissen, wie er starb –, aber dass sie wild und gefährlich ist. Es war die richtige Entscheidung, um Zeit zu gewinnen.«
    »Es wird helfen.«
    »Der Zeitgewinn wird noch mehr helfen, wenn du ihn benutzt – sofern es euch tatsächlich gelingt –, um einen Großteil des Netzes zu reparieren. Das kann sich nur positiv auswirken, und dazu brauchst du Joseph.«
    »Ich weiß.« Die ersten rot-goldenen Blätter trieben auf dem stillen Fluss. »Auch er weiß es. Ich wette, das ist der Grund, warum er den ganzen Tag lang so schlecht gelaunt war.«
    Darüber lachte sie leise.
    »Warum traust du uns nicht?«, fragte ich sie. »Wir haben uns alle Mühe gegeben, die Regeln einzuhalten und uns nützlich zu machen.«
    »Ich mache mir keine große Sorgen darum, wie ihr jetzt seid. Ich mache mir Sorgen, wenn ich mir eure Zukunft vorstelle. Und unsere. Wie werden sich sechs modifizierte Erwachsene auf unsere Gemeinschaft auswirken? Wir sind hierhergekommen, um Menschen wie euch aus dem Weg zu gehen,

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