Totenzimmer: Thriller (German Edition)
ein netter Kerl ich war.
Sie wurden aufs Neue Zeugen meiner Güte, während andere dasexakte Gegenteil davon erlebten. (Ein paar Pillen behielt ich auch für mich selbst und fühlte mich dank ihnen in wahnsinnig guter Form.)
Erik, ein Typ, der etwas weniger blöd war als die meisten anderen Menschen, fuhr in dem Wagen seines Vaters zum Sommerhaus. Er hatte gerade erst den Führerschein gemacht, und wir hatten das Auto seiner Eltern derart mit Bier, Likör, Wodka und Gin vollgepackt, dass es sogar meinen Vater beunruhigt hätte. Zusätzlich hatten wir noch massenhaft süßes Zeug zum Mischen besorgt, damit die Mädchen auch ihren Spaß hatten. Den ganzen Abend hindurch beobachtete ich, wie alle immer alberner wurden; die Gedanken und Gespräche wurden flacher und flacher und liefen schließlich im Leerlauf. Viele hatten inzwischen die Kontrolle über Arme und Beine, Zunge und Lippen verloren, sie benahmen sich wie Tiere und klangen auch so. An genau diesem Punkt lancierte ich meinen Vorschlag, baden zu gehen und nackt in den See zu springen. Die Mädchen schrien, die Jungs brummten, und ich löste vorsichtig eine der Rohypnol-Pillen meiner Mutter in Birgittes Wodka-O auf. Vermutlich wäre das gar nicht nötig gewesen, da sie sowieso schon extrem betrunken war, aber trotzdem, sie musste auf jeden Fall weg, denn sie hatte mich die Katze abfackeln sehen und in der letzten Zeit immer wieder darüber gesprochen. Sie durfte auf keinen Fall mitbekommen, was ich nun vorhatte.
16
Zitternd vor Wut stampfte ich über den Flur zu Bonde Madsens Büro. Die Tür stand offen, und aus dem braun möblierten Raum drang leises Murmeln. Nkem war nach oben in ihr Labor gegangen, um ein paar Reagenzien zu überprüfen, sie hatte aber versprochen, auf mich zu warten.
Bonde Madsen und Karoly saßen auf dem blaugrün gemusterten Sofa und tranken Kaffee. Als sie meine Schritte hörten, blickten sie beinahe synchron auf. Die Art, wie sie mich ansahen, wirkte irgendwie einstudiert, war in Wirklichkeit aber nur die Kopie der Blicke, die ihnen selbst zugeworfen worden waren, wenn man sie wieder einmal nach oben ins Büro des Direktors zitiert hatte. Das
Ekstra Bladet
lag aufgeschlagen auf dem Tisch.
»Sie wollten mich sprechen«, sagte ich und fixierte Bonde Madsen mit deutlichem Missfallen.
»Nicht nur er,
ich
auch«, ergänzte Tommy Karoly wütend, wobei seine Wut mich nicht überzeugte, dafür genoss er den Augenblick zu sehr: Endlich hatte er etwas gegen mich in der Hand, das schwerer wog als meine mangelnde Höflichkeit.
Ich hatte keine Lust, mir das alles anzuhören, hatte nicht die Geduld für die herablassenden Vorwürfe meines Chefs oder das wütende Geschimpfe von Karoly, der sich jetzt für all die Male rächen konnte, bei denen ich ihn auf seine dummen Fehler hingewiesen hatte.
Noch bevor ich den Tisch erreicht hatte, sagte ich deshalb: »Vergeuden Sie nicht noch eine Sekunde Ihrer Zeit damit, zu glauben, ich hätte mich dem
Ekstra Bladet
gegenüber geäußert. Oder mit sonst jemandem von der Presse gesprochen.«
»Aber meine Liebe«, sagte mein Chef bedrohlich freundlich. »Nehmen Sie doch erst einmal Platz.«
»Nein danke, ich möchte lieber gleich wieder gehen. Sagen Sie es nur frei heraus, wenn es noch etwas gibt.«
»He-he«, kam es eiskalt von Bonde Madsen. »Wer hat dem
Ekstra Bladet
denn dann diese Informationen geliefert? Ihr Bild ist im Übrigen richtig schön.«
»Tja, das war vermutlich Ihre wasserstoffblondierte Verehrerin aus dem Sekretariat.«
Bonde Madsen sah mich nachsichtig an. »Helle? Wie um alles in der Welt sollte sie denn auf so eine Idee kommen?«
»Sie hat an der Tür gelauscht …«
»Was sagen Sie da? An welcher Tür? Und wieso?«
Ich erzählte ihm kurz und bündig von Nkems Entdeckung und unserem Gespräch in ihrem Büro. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir noch nicht mehr gewusst, als dass die rote Farbe von einem Stoff stammte, der bei der Bekämpfung von Lepra zum Einsatz kam.
»Der Unterschied zwischen Helle und mir ist, nota bene, dass ich sehr wohl weiß, dass mehr als fünfundneunzig Prozent von uns immun gegen eine Infektion mit dem
Mycobacterium leprae
sind, und dass es sich bei Lepra um eine Krankheit handelt, die eine extrem lange Exponierung voraussetzt, weshalb es vollkommen unsinnig wäre, die Menschen vor einem eventuellen Leprakranken in unserer Mitte zu warnen.«
Ich wählte meine Worte ganz bewusst und war mir im Klaren darüber, dass
nota bene
eigentlich mehr zu
Weitere Kostenlose Bücher