Verliebt in eine Diebin - Roman
nach Clintonville, zum fünften Gemälde. Diesmal trug sie wieder die rote Perücke. Das Haus der Brenners war würfelförmig, halbwegs in Stand gehalten, aber längst nicht in bestem Zustand, mit einer Veranda voller Blumentöpfe, die Davy der Kategorie »Großmutters Zimmerpflanzen« zuordnete. Wäre er ein netter junger Mann gewesen, hätte er die Frau, die ihm die Tür öffnete, als »nette alte Lady« klassifiziert. Stattdessen schaute er sie an und dachte: Weihnachtsgans.
»Hi«, grüßte er, schenkte ihr das Lächeln eines netten jungen Mannes, und Mrs. Brenner lächelte prompt zurück. So ein netter junger Mann. »Ich heiße Steve Brewster, und ich sammle Kunstwerke für den Verein ›Kunst für alle‹. Wir bitten um die Spende alter Gemälde oder anderer gerahmter Kunstgegenstände, um mit dem Erlös Obdachlose zu unterstützen.« Lächelnd nickte sie. »Vor nicht allzu langer Zeit erschien im Dispatch ein Artikel über unsere Gesellschaft. Vielleicht haben Sie ihn gelesen?«
»Ja, in der Tat«, bestätigte sie und rückte ihre Brille zurecht. Gott segne die Frau... »Und nun fragen wir uns, ob Sie vielleicht ein oder zwei alte Bilder besitzen, die Sie erübrigen könnten.«
»Oh, ich hatte einen ganzen Dachboden voll davon. Aber Colby, der Neffe meines Mannes, hat ihn leer geräumt. Ich glaube, er hat das ganze Zeug zur Müllhalde gebracht.«
Verdammt. »Wie nett von ihm...«
»Eigentlich nicht.« Mrs. Brenners Lächeln erlosch. »Er hat eine Menge Geld dafür verlangt. Und die Müllkippengebühr musste ich auch noch bezahlen. Danach wünschte ich beinahe, ich hätte den Plunder behalten.«
Die Müllkippengebühr, dachte Davy und stufte Colby als die Sorte klassischen Betrügers ein, die eine Pechsträhne verdiente. »Hat er zufällig erwähnt, zu welcher Müllhalde er die Gemälde gebracht hat? Wir übernehmen auch Bergungsaktionen.«
»Nein, davon hat er nichts gesagt.«
»Würden Sie mir vielleicht die Telefonnummer Ihres Neffen geben«, bat Davy und versuchte, den grimmigen Unterton in seiner Stimme zu vertuschen. »Dieser Müllabladeplatz klingt nach einer Fundgrube für uns. Für unser Obdachlosenprojekt.«
»Natürlich.« Die Frau verschwand im Haus und ließ die Tür offen.
Oh, Großmütterchen, beschaff dir dringend einen Dobermann ...
» Hier.« Einen Notizzettel und einen Fünfdollarschein in der Hand, erschien Mrs. Brewster wieder in der Tür. »Er wohnt oben in Dublin.«
Obwohl der Widerling im vornehmen Dublin lebte, raubte er seine Tante aus? Diesem Schurken musst du’s heimzahlen, wisperte der weniger vornehme Teil seines Charakters.
»Okay, ich rufe ihn an«, sagte er und konzentrierte seinen inneren Betrüger wieder auf den Job, der zu erledigen war. »Und ich schicke Ihnen eine Quittung, damit Sie den Gegenwert des Bildes, das sie spenden, von der Steuer absetzen können.« Er griff nur nach dem Zettel. Aber sie wollte ihm auch das Geld aufdrängen.
»Bitte, nehmen Sie’s - tut mir so Leid, dass ich keine große Hilfe war...«
Heiliger Himmel... »Nein, das kommt gar nicht in Frage«, erklärte er energisch und zog den Notizzettel unter der Banknote hervor. »Unsere Satzung erlaubt uns nur, Kunstwerke anzunehmen. Wirklich, Sie sind viel zu großzügig.«
»Nun, ich besitze immer noch mein Zuhause. Und die armen Obdachlosen haben gar kein Dach über dem Kopf. Wollen Sie das Geld wirklich nicht haben? Geben Sie’s für Ihren Lunch aus. Auch Sie sollten belohnt werden.«
Traurig erwiderte er Mrs. Brenners Blick. Beinahe überwältigte ihn das Bedürfnis, sie zu warnen: Geben Sie niemandem was an der Tür, lassen Sie niemals Ihre Tür offen, schon gar nicht, wenn ein Fremder davor steht und Ihnen irgendwas abschwatzen will - und lassen Sie auf keinen Fall jemals wieder Ihren Neffen ins Haus. » Nein, das darf ich nicht. Aber ich weiß Ihre freundliche Geste zu schätzen, Ma’am. Und nun wünsche ich Ihnen einen schönen Tag.«
»Danke.« Seufzend drückte sie den Fünfer an ihre Brust und verriet ihm damit, wie schmerzlich sie das Geld vermissen würde. »Auch Ihnen wünsche ich einen guten Tag.«
Während die Haustür hinter ihm ins Schloss fiel, stieg er die rissigen Betonstufen hinab und erwog ernsthaft, Colby in Dublin anzurufen und ihm ein hübsches Grundstück in Florida anzudrehen. Stattdessen zog er einfach nur sein Handy hervor und wählte die Nummer, nachdem er ins Auto gestiegen war.
»Was machst du?«, fragte Tilda. »Spiele ich diesmal nicht
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