Waffenschwestern
Liebeskummer hast«, sagte Luci. »Du zeigst alle Symptome.«
»Liebeskummer!«
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»Genauso hat es Elise ausgedrückt, als sie dachte, niemand wüsste davon. Aber sie wussten es doch. Ist es ein gebrochenes Herz oder sonst was?«
»Luci.« Unmöglich, es ihr zu erklären. Esmay versuchte
einen neuen Ansatz. »Manches kann ich dir nicht sagen. Dinge, die die Flotte betreffen. Manchmal passieren schlimme Dinge.«
»Esmay, um Gottes willen … Ich bin in einem Militär—
haushalt aufgewachsen! Ich kann kriegsbedingte Sorgen von persönlichen Sorgen unterscheiden, und du brauchst nicht so zu tun, als wäre es so was.«
»Naja, ist es doch, Sturkopf. Urgroßmutter ist gestorben; ich musste die Verantwortung für das ganze Anwesen übernehmen; ich habe eine Menge Anlass, mir Sorgen zu machen.«
Luci brachte wieder das Thema Pferde zur Sprache, und eine Stunde lang unterhielten sie sich über diese oder jene Zuchtlinie, diese oder jene Kreuzung von Linien. Gemeinsam gingen sie zum Haupthaus hinüber, immer noch tief in die verwickelte Verteilung rezessiver Merkmale in der vierten Generation vertieft. An der Tür angekommen, sagte Luci mit der
unechtesten, kulleräugigsten Unschuld, die Esmay je erlebt hatte: »Wirst du heiraten und dich hier niederlassen, Kusine, wie es Papa Stefan möchte?«
Und das in Hörweite des halben Küchenpersonals und
Bertholds, der wie üblich vor der Mahlzeit in die Küche spaziert war. Es wurde still, bis eine Helferin das Messer fallen ließ.
»Ich bin Flottenoffizier«, antwortete Esmay. »Wie du weißt, habe ich allen gesagt, dass ich einen Treuhänder und eine Erbin würde ernennen müssen.«
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»Ja«, sagte Luci. »Das weiß ich. Aber da warst du noch keine Woche auf Altiplano gewesen. Du könntest es dir anders
überlegen, besonders wenn es in der Flotte nicht gut läuft.«
Berthold schnaubte. Esmay hätte gut ohne das auskommen
können; Bertholds Humor war bestenfalls peinlich.
»Du siehst ja, wie sie ist«, sagte er, ein paar gemopste Oliven im Mund.
»Ich bin so weit, dass wir essen können«, sagte Esmay. »Und das sollten lieber keine von den Oliven der Exportklasse gewesen sein …« Ihr warnender Blick galt sowohl den Köchen als auch Berthold. Er wackelte mahnend mit dem Finger.
»Du klingst ganz wie Großmutter. Sie konnte schon aus dem Geruch von Oliven Öl pressen.«
»Wir essen jetzt«, sagte Esmay und ging voraus. »Nach
einem Vormittag in Gesellschaft von Juristen und Wirtschaftsprüfern und dann Luci ist mein Gehirn ganz aus—
gehungert.«
Station Daren Prime
Pradish Lorany drehte das Flugblatt immer wieder in den Händen. Er wusste nicht, recht, was er damit anfangen sollte, ja, es war total unfair, dass Mirlin die Kinder genommen hatte und weggezogen war; dass man ihn übergangen und stattdessen Sophia Antera befördert hatte; dass mehr als die Hälfte der Sitze im Rat der Station von Frauen besetzt waren. Er verabscheute schon den Gedanken an künstliche Geburten und die Mani-417
pulation des menschlichen Genoms … Falls das keine
Einmischung in Gottes Plan darstellte, dann wusste er auch nicht mehr, was eigentlich. Aber obwohl er grundsätzlich dem Gedanken zustimmte, dass die Gesellschaft korrupt und
degeneriert war und dass dies alles auf ein fehlendes
Verständnis für die gottgewollten Rollen von Männern und Frauen zurückging, konnte er sich doch nicht ganz davon überzeugen, dass es deshalb ein gottesfürchtiger Akt war, Menschen in die Luft zu jagen. Besonders da auch Mirlin und die Kinder dabei umkommen würden. Er wünschte sich von
Frauen Respekt und von Männern Führungskraft und dass man damit Schluss machte, an der menschlichen Fortpflanzung herumzumanipulieren, aber … war das der Weg?
Er fand das nicht. Er fasste einen Entschluss. Er würde die Gechlechter-Schutzliga weiterhin unterstützen; er würde seiner Exfrau weiterhin klarzumachen versuchen, dass sie seine Gründe, die Kinder mit traditionellen Methoden zu
disziplinieren, nicht richtig verstand … aber er würde nicht an der nächsten Versammlung mit dem Vertreter der
Gottesfürchtigen Miliz teilnehmen, der ihn dafür zu gewinnen versucht hatte, Sprengsätze zu montieren.
In einem Anfall von Widerwillen warf er das Pamphlet zur Öffnung der Wiederaufbereitungsanlage hinüber, wandte sich jedoch schon ab, ehe es in den Müllschlucker rutschte …
weshalb er nicht mitbekam, dass er die Öffnung verfehlt hatte und das Flugblatt direkt vor dem
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