Wie Blueten Am Fluss
neues Kleid?« Obwohl Mary Margarets Lippen sich kaum hoben,
stand in ihren Augen doch ein helles Leuchten. »Welches Geschenk werden Sie dem Mädchen denn
als nächstes machen, Mr. Thornton?«
Gage schaute durch die kleinen Scheiben des Fensters und tat, als denke er über ihre Frage nach.
»Vielleicht eine eigene Bürste und einen Kamm, ein wenig Parfüm und eine wohlduftende Seife.«
»Für eine Vertragsarbeiterin, Mr. Thornton?«
Gage sah die ältere Frau mit einem koboldhaften Glitzern in seinen bernsteingesprenkelten, braunen
Augen an. »Für eine Ehefrau, Mrs. McGee.«
Mary Margaret stieß unwillkürlich einen Freudenschrei aus, bevor sie sich eine Hand auf den Mund
preßte, um ihrem undamenhaften Ausbruch ein Ende zu machen. Dennoch vollführte sie mit Hilfe
ihres Krückstocks ein kleines, verhaltenes Tänzchen. Danach nahm sie wieder eine würdevollere
Haltung ein, bevor sie zu ihm aufblickte. »Ich nehme an, Sie verlassen sich darauf, daß ich die Sache
für mich behalten werde, bis die Schwüre gesprochen sind.«
»Jawohl, Madam. Bis dahin dürfen sich nur meine engsten Freunde an dieser Nachricht erfreuen.«
Mary Margaret nickte zustimmend, denn sie hielt seine Entscheidung für klug. »Es ist bestimmt
vernünftig, Mrs. Pettycomb nicht allzusehr zu beunruhigen. Sonst bekommt sie am Ende vor lauter
Verwirrung noch Schreikrämpfe oder gar einen Schlaganfall. Sie rechnet ja eindeutig damit, daß man
Shemaine ihren Zustand ansehen wird, noch bevor drei Monate verstrichen sind... natürlich ohne einen
Ehering am Finger.« Der Gedanke an die Fassungslosigkeit der Matrone entlockte ihr heiteres
Gekicher. »Ah, wie sehr ich mir doch wünschte, ein kleines Mäuschen in ihrem Haus zu sein, wenn sie
die Neuigkeit erfährt. Da fallen ihr bestimmt die Augen aus dem Kopf.«
»Sie sind durch und durch skrupellos, Madam«, schalt Gage sie
mit einem leisen Lachen. »Möge ich Sie niemals in den Reihen meiner Feinde wiederfinden. Dann
wär's um mich geschehen, da bin ich mir sicher.«
»Und ob es das wäre«, stimmte sie ihm fröhlich zu.
Auf ihren Krückstock gestützt, näherte Mary Margaret sich der Tür, die in den hinteren Teil des
Ladens führte, und rief mit lauter Stimme in den Korridor: »Mr. Becker, vielleicht wollen Sie, wo Sie
schon mal da hinten sind, gleich auch Shemaine O'Hearns Schuhe holen. Mr. Thornton ist hier, um sie
mitzunehmen. Und macht es Ihnen was aus, sich ein wenig zu beeilen? Mr. Thornton und ich haben
heute noch wichtige Dinge zu erledigen.«
Zuerst war ihr der Freitag in zwei Wochen so fern erschienen, daß Shemaine keine Schwierigkeiten
gesehen hatte, bis dahin all die Dinge zu erledigen, die sie sich vorgenommen hatte. Sie hatte Gage
gefragt, ob sie eins von Victorias Kleidern ändern dürfe, das sie besonders hübsch fand. Statt dessen
hatte er ihr mit einem jungenhaften Grinsen, das Andrew schon genauso besaß, einen Ballen feinen
Stoffs für ein modisches Gewand geschenkt und dazu Spitze, mit der sie die Säume einfassen konnte,
und genug weichen, wunderschönen Batist, um sich ein neues Unterkleid und ein Nachthemd zu
schneidern. Shemaine freute sich über seine Geschenke, machte sich aber gleichzeitig ein wenig
Sorgen. Ihre normalen Haushaltspflichten hielten sie für gewöhnlich fast den ganzen Tag über in
Atem, und sie konnte sich nicht vorstellen, woher sie die Zeit nehmen sollte, all die Gewänder für
ihren Hochzeitstag fertigzustellen. Gage löste ihr Dilemma, indem er ihr verriet, daß Mary Margaret
ihre Hilfe angeboten hatte, ein Angebot, das sie nur allzugern annahm. Eine weitere große Hilfe war
Ramsey, der sich freiwillig erboten hatte, die Irin während der nächsten beiden Wochen jeden Tag,
wenn er zur Arbeit kam, in ihrem Häuschen abzuholen und zu Shemaine zu bringen.
Schließlich kam der große Tag, und ein schweres Boot mit einem großen Ruder und einem seltsamen
Sammelsurium von Segeln legte an dem neuen Verladesteg an, den Gage und seine Männer in der
vorangegangenen Woche gebaut hatten. Gelenkt wurde das Schiff
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von einem eingefleischten, alten Seemann, der die stürmischen Meeresüberquerungen gegen ein
ruhigeres Leben eingetauscht hatte. Jeder legte mit Hand an, um als erstes die in Kisten verpackten
Möbel vorsichtig zu verladen. Die Pferde an Bord zu bringen erwies sich als Problem, denn sie
scheuten vor dem Boot und gerieten in Panik, als sie den Wagen über die Planken ziehen sollten, die
die Brücke
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