Wolkengaenger
hörte mit halbem Ohr dem Märchen zu, das Asja erzählte, als Swetlana – die Frau, die ihn
nach Filimonki gebracht hatte – den Raum betrat und sich an einen Tisch in der Ecke setzte. Sarah erinnerte sie daran, dass
in zwei Tagen Wanjas Besuch im Krankenhaus Nr. 58 anstand. Swetlana schien sich darüber zu freuen und erklärte Sarah, wo sie
seine Blutwerte abholen könne. »Ist es nicht toll, dass er nach Florida geht?«, fragte Sarah sie und deutete auf Andrej. »Wäre
es nicht auch gut für Wanja, ins Ausland zu gehen?«
»Oh, ja. Besonders jetzt, da seine Papiere für das Internat 30 eingetroffen sind, in das er nächsten Monat kommt.«
»Was?? In diese grauenhafte Anstalt?«, rief Sarah entsetzt. »Dann könnte man ihn ja gleich dorthin zurückschicken, wo er vorher
war.«
Swetlana sah sie verwirrt an. »Aber da kommt er hin.«
Wanja hatte inzwischen mitbekommen, dass die beiden Frauen über ihn sprachen, und statt weiter Purzelbäume zu |160| schlagen, lauschte er nun aufmerksam ihrem Gespräch. Aus dem unbeschwerten Kleinkind, das gerade noch glücklich gespielt hatte,
war mit einem Mal ein kleiner Erwachsener geworden, der auf der ganzen Welt nur einen einzigen Menschen hatte, auf den er
sich verlassen konnte: sich selbst.
Zurück in ihrer Wohnung, konnte Sarah nicht fassen, wie beiläufig Swetlana – ausgerechnet Swetlana, die damals vollkommen
traumatisiert aus Filimonki zurückgekehrt war – diese Bombe hatte platzen lassen. Wanja hatte sich kaum von den acht Monaten
Gefangenschaft erholt, da schickten sie ihn bereits in die nächste Verwahranstalt für abgeschobene Kinder. Sarah war sich
sicher, dass Wanja Swetlana nicht gleichgültig war und sie sich tief in ihrem Innern das Beste für ihn wünschte. Doch es musste
ihr unvorstellbar erscheinen, etwas an seinem Schicksal ändern zu können – einem Schicksal, dem Wanja glücklicherweise mit
knapper Not entrinnen sollte: Denn als die nächste Ladung Kinder vom Babyhaus 10 auf die Anstalten verteilt wurde, befand
sich Wanja im Krankenhaus Nr. 58 und damit in Sicherheit.
Zwei Tage später zog und drückte der Chefarzt des Krankenhauses, eine imposante Gestalt mit weißer Haarmähne, an Wanjas Beinen
herum. Nach allem, was man hörte, war dies das beste Krankenhaus zur Rehabilitation von Kindern mit infantiler Zerebralparese
in der ehemaligen Sowjetunion. Sarah hatte angenommen, dass dort großer Betrieb herrschen würde: Kinder, die in Rollstühlen
ankommen und ein paar Wochen später auf ihren eigenen Beinen wieder hinausspazieren würden. Doch in dem großen Haus war es
gespenstisch still. Die endlos langen Flure waren wie ausgestorben und die Patientenzimmer standen reihenweise leer. Trotz
der vielen freien Behandlungsräume untersuchte der Arzt Wanja auf dem Flur. Er besaß die typische Selbstsicherheit eines Chirurgen
und erklärte, dass er Wanja operieren könne. »Warum wurde dieses Kind nicht schon viel früher zu mir gebracht?«, fragte er
scharf.
Die junge Therapeutin aus dem Babyhaus, die beauftragt worden war, Wanja ins Krankenhaus zu begleiten, nahm die |161| Rüge vollkommen gelassen hin. Sie fühlte sich für Wanjas körperliche Verfassung offenbar nicht verantwortlich.
Wenige Tage später wurde Wanja zum ersten Mal an den Beinen operiert. Sarah war der festen Überzeugung, dass ihm in dieser
renommierten Einrichtung eine erstklassige Betreuung zukam, und da sie unsicher war, ob sie nach seiner Operation willkommen
sein würde, ging sie ihn nicht sofort besuchen. Eine Freundin, die selbst einen Sohn mit infantiler Zerebralparese hatte und
das Krankenhaus kannte, machte Sarah daraufhin große Vorwürfe, weil sie Wanja mit seinen quälenden Schmerzen sich selbst überließ.
Da rief Sarah Wika an, und die beiden Frauen verabredeten, ihn am nächsten Tag besuchen zu gehen. Auf dem Weg zum Krankenhaus
hielten sie noch am Babyhaus und nahmen Walentina mit, die gerade Dienstschluss hatte und in einem schicken blauen Wollmantel
mit dazu passendem Hut bereits auf sie wartete. Bevor sie abfuhren, lief Sarah noch in den »Ausstellungsraum« und holte einen
riesigen Gymnastikball, der dort ungenutzt herumlag. Sie hatte ihn für das Babyhaus gekauft, in der Hoffnung, das Personal
würde ihn für Übungen mit Wanja benutzen. Mit Hilfe dieses Balles sollten sich die Frauen – gleich dreier Musketiere, die
Wanja zur Abwendung seines Unheils rekrutiert hatte – Zutritt zum
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