0498 - Der Schatten des Killers
summte er vor sich hin.
Der Mann, der erst vor wenigen Stunden einen Menschen kaltblütig niedergeschossen hatte, trällerte jetzt eine Liebesschnulze.
Etwas zupfte mich am Ärmel und zog mich nach hinten. Natürlich war es Phil. Auch er hatte den schmalen Lichtkegel einer Taschenlampe gesehen. Rudy Rick kam die Treppe herauf.
Ich folgte Phil in das Zimmer, das der Killer als Wohnsitz ausgewählt hatte. Wir warteten.
»Everybody loves somebody sometimes«, trällerte Rick wieder und stieß die Tür des Zimmers auf, in dem wir auf ihn lauerten.
Der Lichtkegel seiner Laterne wanderte zitternd an der Wand entlang.
In diesem Augenblick sprang ich vor, schlug ihm die Lampe aus der Hand und warf ihn gegen die Tür.
Gleichzeitig knipste Phil seine Taschenlampe an.
»He?« rief der Killer unwillig. »Jack, was soll das?«
»Hier ist nicht Jack«, gab ich schneidend zurück. »Hier spricht Jerry Cotton vom FBI. In meiner Eigenschaft als Special Agent des FBI erkläre ich Sie hiermit für verhaftet. Sie werden des Mordes an dem Buchhalter Isaac Bewin beschuldigt. Pflichtgemäß mache ich Sie darauf aufmerksam, daß alle Ihre weiteren Äußerungen in einem spä teren Prozeß gegen Sie verwandt werden können.«
Der Killer brauchte nur den Bruchteil einer Sekunde, um die Situation zu verstehen. Dann hechtete er mit einem Knurrlaut auf mich zu.
Ich hatte seinen Angriff erwartet. Er rannte genau in meine ausgestreckte Rechte. Stöhnend brach der Mann zusammen, der schon einige Menschen auf dem Gewissen hatte.
Als Phil ihm die Handschellen umlegte, weinte der Killer wie ein kleines Kind.
***
Der Boß hatte seine Leute um sich versammelt. Sie waren nicht begeistert darüber, daß sie zu dieser ungewöhnlichen Stunde noch antanzen mußten, aber sie hatten sich im Laufe der Zeit daran gewöhnt, den Befehlen Jacks des Henkers blindlings zu gehorchen.
Der Gangsterboß zeigte auf einen großen Stadtplan von New York.
»Ihr wißt, was unser Ziel ist. Morgen werden wir Freddy Steffanos Syndikat übernehmen.«
Die Männer nickten mechanisch. Nicht nur, weil sie müde und unausgeschlafen waren, sondern ganz einfach, weil sie diese Rede schon ein paar hundertmal gehört hatten.
Jack plante jede Einzelheit seines Vorgehens mit peinlicher Genauigkeit. Seine Mitarbeiter mußten sich immer wieder mit den kleinsten Details vertraut machen. Vielleicht lag in dieser Methode das Erfolgsrezept des neuen Gangsterbosses, von dem noch vor sechs Monaten niemand in New York auch nur den Namen gewußt hatte.
Heute freilich war alles anders. Heute fürchtete jeder kleine Gangster in Manhattan, jeder große Boß irgendeiner Gang den Namen Jack der Henker.
Soweit hatte es Jack in kurzer Zeit gebracht. Jetzt sah er auf eine Liste.
»René«, wandte er sich an einen seiner Mitarbeiter. »Du übernimmst ab morgen die Spielhöllen des Syndikats.«
»Alle?« fragte René staunend, der genau wußte, über welche Anzahl von Glücksspiel-Saloons Steffano verfügte. »Nein. Eine Ausnahme ist dabei.«
»Welche?«
»Das ›Cindy‹ fällt flach. Darum brauchst du dich ab sofort nicht mehr zu kümmern.«
»Okay, Boß«, gab René nur zurück. Jack wandte sich an seinen nächsten Mitarbeiter. Er hieß Dobby Dee und sah aus, als habe er die Schwindsucht. In Wirklichkeit kam sein elendes Aussehen nur von seinem unsoliden Lebenswandel.
»Hast du die Rauschgiftverteilerstellen fest in der Hand, Dobby?«
Der Angeredete nickte. »Klar, ich kenne die Kundschaft und die Verteiler.«
»In Ordnung«, gab der Gangsterboß zurück. »Die Verteiler haben ab morgen ihre Einkünfte an dich abzuliefern. Wer nicht spurt, bekommt es mit mir zu tun. Du brauchst nur die Liste der Männer aufzuschreiben, die mit uns nicht zusammen arbeiten wollen. Bestell auch gleich einen Kranz für sie. Das ist ein Arbeitsgang.«
Dobby Dee nickte gehorsam. Er war eines der ältesten Mitglieder der Gang. Für Jack galt er als ausgesprochen zuverlässig.
»Weißt du, was mit den Mädchen los ist?« wandte sich der Gangsterführer an Mike Logan.
Der nickte. »Klar, wir wissen, wo die Puppen… aufgegabelt werden und an welche Adresse sie gelangen müssen. Schätze, das genügt.«
Jack nickte. »Richtig. Nimm dir die Leute unter die Lupe, die in dieser Abteilung arbeiten. Wirf jeden hinaus, der dir nicht paßt.«
»Worauf du dich verlassen kannst, Boß«, gab Mike Logan grinsend zurück.
Der Boß schaute noch einmal in die Runde. Hier saßen die Gangster, die er sich nach
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