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Das Lied der Luege

Das Lied der Luege

Titel: Das Lied der Luege Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ricarda Martin
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näherte sich im Laufschritt ein Trupp Polizisten, gefolgt von mindestens zwanzig uniformierten Reitern. Was dann geschah, ging so schnell, dass weder Susan noch Rosalind eine Chance hatten, die Szenerie zu verlassen. Ohne ein Wort der Warnung stürmten die Beamten auf die unbewaffneten Frauen zu, rissen ihnen die Fackeln und die Plakate aus den Händen und drängten sie zurück. Entsetzt und hilflos mussten Susan und Rosalind zusehen, wie die Männer mit Gummiknüppeln auf die Frauen einschlugen, oft so lange, bis diese wimmernd am Boden lagen. Laute Schreie hallten von den Häuserfassaden wider, und plötzlich flogen Pflastersteine. Direkt vor Susan wurde ein Polizist von einem Stein im Rücken getroffen. Er strauchelte kurz, riss dann seinen Knüppel hoch und schlug wie von Sinnen auf die neben ihm stehende Frau ein, obwohl diese den Stein nicht geworfen hatte. Einige Frauen begannen zu flüchten, während andere laut riefen: »Das ist die Gewalt der Männer! Nieder mit den Unterdrückern! Wir fordern Gerechtigkeit!«
    Inzwischen waren motorisierte Polizeidroschken herangekommen, und die Polizisten sammelten die Frauen, die hilflos am Boden lagen, ein, als wären sie Müll, und stießen sie in die dunklen Wagen. Die anderen ließen sich nicht so einfach unterkriegen. Zwei Frauen in Susans Nähe stürmten mit geballten Fäusten auf die Polizisten zu, wurden jedoch von deren Knüppeln sofort niedergestreckt. Eine, mit voller Wucht am Kopf getroffen, stürzte direkt vor Susan auf das Pflaster. Im Schein der Straßenlaternen erkannte Susan ihr Gesicht und schrie auf. Sie handelte blitzschnell, packte die beinahe Besinnungslose am Arm und zog sie wieder auf die Beine.
    »Hilf mir und dann nichts wie weg von hier!«, rief sie Rosalind zu, und gemeinsam gelang es ihnen, mit der verletzten Frau in einen dunklen Hauseingang zu flüchten. Dort warteten sie stumm und bewegungslos noch einige Zeit, bis die Polizei ihr Treiben beendet und alle Frauen entweder verhaftet oder vertrieben waren. Erst als die Straße wieder so ruhig vor ihnen lag, als wäre nichts geschehen, wagten sie sich aus ihrem Versteck heraus. Das Licht einer Laterne fiel auf Susan, und die Frau, die sie gerettet hatte, stöhnte laut auf.
    »Susan! O mein Gott … wie kann das sein …?«
    »Scht, ruhig, Doro. Wir bringen dich fort von hier.«
    Rosalind stellte keine Fragen, sondern umfasste beherzt die Hüfte der Frau und schleppte sie gemeinsam mit Susan zu ihrer Pension. Hier war alles dunkel, die Wirtin schien bereits zu schlafen, so gelangten die drei Frauen unbemerkt in ihr Zimmer. Mit einem Stöhnen ließ sich Dorothea Hawkins auf ein Bett fallen. Fließendes Wasser gab es keines in dem Raum, so goss Susan etwas Wasser aus der Kanne in die Waschschüssel und befeuchtete einen Waschlappen. Das Wasser war abgestanden und lauwarm, aber sie konnte Doros Verletzung an der Stirn reinigen. Dort, wo der Knüppel sie getroffen hatte, bildete sich eine eigroße Beule, die Haut war blau-rot verfärbt. Nachdem Doro ein Glas Wasser getrunken hatte, blickte sie von Susan zu Rosalind. Ihre grauen Augen hinter den dicken Brillengläsern weiteten sich ungläubig.
    »Ich dachte, du bist tot …«
    Mit einem beruhigenden Lächeln setzte sich Susan neben die Freundin.
    »Ich habe den Untergang überlebt. Zwar nur knapp, aber ich habe es geschafft. Ebenso wie Rosalind Cassidy, die mich nach England begleitet hat.«
    Doro nickte Rosalind kurz zu, die Frau interessierte sie jedoch nicht sehr. Vielmehr wollte sie wissen, wie es kam, dass sie plötzlich Susan gegenüberstand.
    »Als die Listen der Überlebenden in den Zeitungen veröffentlicht wurden, stand nirgends dein Name.« Sie hob eine Hand und fuhr Susan über die Wange, ganz so, als wollte sie sich vergewissern, kein Trugbild vor sich zu haben. »Wir … ich habe tagelang geweint … und ich …«
    »Du hast sicher nur die Listen der Passagiere der ersten Klasse durchgesehen?«, mutmaßte Susan, und Doro nickte. »Ich habe mich als Zwischendeckpassagier registrieren lassen. Warum – das ist eine längere Geschichte. Jetzt möchte ich aber zuerst wissen, was das gerade für eine Demonstration gewesen ist und wie du da reingeraten bist.«
    Doro versuchte zu lächeln, verzog aber schmerzhaft das Gesicht.
    »Hast du von Lucy Sheldon gehört und was ihr passiert ist?«
    Susan schüttelte den Kopf. »Wir sind erst seit heute wieder in England.«
    »Nun, der Fall Lucy Sheldon machte in den letzten Wochen nicht nur in

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