Der Herr der Unruhe
Purgatorio im Deckel.
Muss entfernt werden.
Die krakelige Schrift des Uhrmachermeisters unterschied sich deutlich von den fast wie gedruckt anmutenden Buc h staben darüber. Emanuele dei Rossi war zu Recht erregt gewesen, als sein Kunde sich über ein Zitat aus Dantes Göttlicher Komödie ereifert hatte.
Und dann entdeckte Nico auf der rechten, noch unb e schriebenen Seite etwas, das seine Adern schwellen ließ: einen blutigen Fingerabdruck. Hatte der Mörder hier u n freiwillig seine Signatur hinterlassen?
Nico spürte einen Schwindel, der ihn schwanken ließ. Schnell stopfte er die Kladde in den braunen Sack. Aber er war nicht allein wegen seines »Erbes« hierher gekommen. Da gab es noch einen anderen Verdacht. Obwohl die Zeit drängte, nahm er den obersten der Aktendeckel zur Hand und öffnete ihn.
»O nein! Es sind tatsächlich Namen«, keuchte er. Dutze n de davon waren mit Adressen und anderen Bemerkungen fein säuberlich über drei Blätter hinweg aufgereiht. Auf der ersten Seite stand ganz oben derjenige seines Vaters und rechts herausgerückt, wie auch hinter den meisten anderen, eine größere Zahl. Die Vermögen seiner Opfer?, rätselte Nico. Vor dem Namen sah er einen kleinen blauen Punkt, und weiter unten fand er eine ähnliche Kopierstiftmarki e rung. Sie kennzeichnete Theodor Katz. So hieß der Jude aus dem litauischen Memel, der vor zwei Tagen mit seiner F a milie verschleppt worden war. Und dann fiel Nicos Blick auf den letzten Eintrag auf Seite drei.
Niklas (oder Nikolaus) Michel?
Er starrte seinen deutschen Namen an, als handele es sich um eine Zauberformel, die ihn gerade zu Stein verwandelt hatte. Über das Fragezeichen dahinter dachte er keine S e kunde nach. Auch dass der Podestà keine Schätzung über das Vermögen seines Gemeindemechanikers abgegeben hatte, war für ihn unerheblich. Nach den gerade erst b e lauschten Gesprächsfetzen von Manzinis Telefonat stand für ihn fest, dass über ihm ein Damoklesschwert schwebte, und das Haar, das es am Fallen hinderte, konnte jeden Tag reißen.
Er traf einen verzweifelten Entschluss. Trotzig stopfte er sämtliche Aktendeckel aus dem Safe in den Jutesack. D a nach klappte er die Tresortür zu, verstellte das Zahle n schloss und schwenkte die hölzerne Verblendung wieder vor den Schrank. Manzini würde den Verlust frühestens am nächsten Morgen entdecken.
Nico lief auf die Tür zu, blieb aber nach wenigen Schri t ten stehen. Langsam sah er sich zum Telefon um.
Und wenn alles ein Irrtum war? Sollte er nur um eines – zugegeben nicht gerade fadenscheinigen – Verdachts willen die Liebe seines Herzens aufgeben? Manzini war für sein Misstrauen bekannt. Und das Fragezeichen hinter dem N a men mochte auf seine Zweifel hinweisen. Bedenken, die sich möglicherweise zerstreuen ließen. Wenn nur nicht die Zeit so knapp wäre! Jeden Moment konnte Laura hier au f kreuzen. Nicos Blick wanderte zu den schweren grünen Samtvorhängen. Ja, so müsste es gehen …
Mit langen Schritten durchmaß er das Büro, das eigentlich kein Arbeitszimmer, sondern fast schon ein Saal war. Er schlüpfte hinter einen der Vorhänge und öffnete das dahi n ter befindliche Fenster. Durch eine Lücke in der gegenübe r liegenden Häuserzeile sah er die Stiftskirche San Giovanni. Am langen Arm ließ er den Jutesack so weit wie möglich aus dem Fenster hinab und öffnete die Faust. Dumpf schlug seine Beute auf dem Pflaster der Via del Limbo auf. Er lauschte. Nirgendwo öffnete sich ein Fenster. Niemand kam herbeigelaufen. Keiner hatte den Vorgang bemerkt.
Schnell versetzte er alles wieder in seinen alten Zustand und lief zum Schreibtisch. Er rieb nervös die Handflächen aneinander So etwas hatte er noch nie versucht. Aber es könnte gelingen. Mit flinken Fingern schraubte er den D e ckel der Ohrmuschel vom Telefonhörer ab und entnahm ihm die kleine metallene Lautsprecherkapsel. Er legte sie in seine hohle Hand, hielt sie wie eine Muschel ans Ohr, schloss die Augen, konzentrierte sich – und fuhr wie von einem elektrischen Schlag durchzuckt zusammen.
Hass!, formte sein Mund, ohne dass ein Laut über seine Lippen kam. Doch plötzlich hörte er, wie jemand in unmi t telbarer Nähe scharf Luft holte. Seine Hand fiel herab, der Kopf fuhr herum.
»Was tust du da mit dem Telefon meines Vaters?«, fragte Laura von der Tür her. Zwei Knöpfe am Ausschnitt ihres hellblauen Kleides standen offen. Ihr Haar floss wie ein schwarzer Wasserfall über ihre Schultern. Eine
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