Der Schlaf und der Tod: Thriller (German Edition)
Schultern.
»Gefällt Ihnen die? Haben Sie … Feindseligkeit erlebt?«
»Feindseligkeit gibt es immer. Vorgestern habe ich mit einer der neuen amerikanischen Tänzerinnen gesprochen, und sie hat mir gesagt, dass in den ersten vier Monaten niemand mit ihr gesprochen hat. Sie hat sich jeden Abend in den Schlaf geweint, nachdem sie Mails an ihre Familie zu Hause in Kalifornien geschrieben hatte, wo alles so fantastisch war. Ich hatte übrigens auch nicht mit ihr gesprochen.«
»Warum nicht?«
Die Dehnungsübungen waren fertig. Sie gingen weiter. Niels wiederholte seine Frage. Dieses Mal antwortete sie:
»Konkurrenz. Gerade die Neuen, die von außen kommen, sind echte Bedrohungen für uns. Man versucht, sie irgendwie zu ignorieren, sie nicht anzusehen, sonst macht man sich ver rückt. Was meinen Sie, wie es ist, wenn man sieht, dass eine der Neuen eine Rolle kriegt, von der man selbst das ganze Leben geträumt hat? Dann ist es echt schwer, keine böse Gedanken zu be kommen.«
»Böse Gedanken?«
»Eifersucht. Neid. Die Karriere eines Solotänzers ist kurz. Wir sind pensioniert, wenn die Karrieren der meisten anderen Men schen erst richtig Fahrt aufnehmen, und es tut natürlich weh, aus sortiert zu werden.«
»Aber jetzt ist diese Rolle Ihnen zugefallen.«
»Giselle, ja.«
»Was denken Sie darüber?«
»Wie meinen Sie das?«
»Über die Art und Weise, wie Sie darangekommen sind?«
Sie blieb einen Augenblick stehen. »Wenn Sie wissen wollen, ob ich ein schlechtes Gewissen habe, lautet die Antwort nein. Ein glasklares Nein. Das läuft in dieser Welt einfach so. Des ei nen Leid ist des andern … Das ist jetzt meine Chance. Es ist eine Frage auf Leben und Tod, die richtigen Rollen zu kriegen.«
»Wichtig genug, um dafür zu morden?«
»Glauben Sie, dass ich das war?«
Niels antwortete nicht.
»Hören Sie, Herr Polizist: Wenn man dafür bestraft werden kann, schlecht über andere zu denken, würden hier drinnen alle lebenslänglich bekommen. Auch Dicte hat nie davor zurückgeschreckt, ihre Ellenbogen zu nutzen … und nicht nur die.«
»Wie meinen Sie das?«
»Come on.«
»Sex?«
»Man kann sich natürlich keine Ballettkarriere ervögeln, bestimmt keine große, das versteht sich von selbst. Aber es schadet ganz sicher nicht, zu den richtigen Zeitpunkten mit den wichtigen Leuten ins Bett zu gehen – also dann, wenn es karrieremäßig darauf ankommt. So ist das Leben. Auch hier bei uns. Und was das angeht, hat Dicte sich nie zurückgehalten. Sollen wir die Treppe nehmen?«
Sie öffnete eine Tür und verschwand, dicht gefolgt von Niels.
»Sie waren am Abend ihres Todes bei ihrer Wohnung?«
»Ich habe geklingelt, ja. An beiden Abenden. Aber sie hat die Tür nicht aufgemacht. Ich habe andere im Haus gebeten, mich hereinzulassen, und sogar oben an ihrer Tür geklingelt.«
»Und haben Sie aus der Wohnung etwas gehört?«
»Nein.«
»Keine Geräusche, Stimmen, Rufe?«
»Nichts.«
»Dann wissen Sie nicht, ob sie da war?«
»Ihr Fahrrad stand draußen. Das ist mir aufgefallen. Und sie hat fast alles mit dem Fahrrad gemacht.«
»Und im Treppenhaus?«, fragte Niels. »Oder auf der Straße? Ist Ihnen da irgendetwas aufgefallen?«
»Wie meinen Sie das?«
»Etwas Ungewöhnliches? Ein Auto, das plötzlich wegfuhr? Et was, das auf der Treppe lag. Was weiß ich …«, Niels kam ins Stocken. Er spürte selbst, dass er im Dunkeln tappte. Dann versuchte er einen ganz anderen Ansatz.
»Erzählen Sie mir von Giselle .«
Sie zuckte mit den Schultern. »Das ist eine der Rollen, an der alle sich gerne einmal versuchen möchten. Wenn Schwanensee der Mount Everest des Balletts ist, ist Giselle der Kilimandscharo oder der Mont Blanc, wenn Sie verstehen, wie ich das meine. Es ist der Traum eines jeden Tänzers, Giselle zu tanzen.«
Niels sah sie an und hoffte, dass sie noch mehr sagte.
»Warum?«
»Ich gebe Ihnen mal die Kurzversion: In Giselle geht es um Liebe und Tod. Besonders den Tod. Die Anwesenheit des Todes durchströmt das ganze Ballett. Er ist in jeder noch so kleinen Bewegung enthalten, die man auf der Bühne macht. Giselle stirbt, wacht dann aber wieder auf. Vielleicht im Traum ihres Liebhabers, des Herzogs Albrecht von Schlesien. Vielleicht als Geist. Im zweiten Akt sind alle Tänzer vollkommen weiß. Der überirdische Akt, sagt man, oder der weiße Akt.«
»Der weiße Akt.«
Sie nickte. »Man könnte vielleicht sagen, dass Romeo und Julia das Ballett der Liebe ist und Giselle das Ballett des
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