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Der Vermesser

Der Vermesser

Titel: Der Vermesser Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Clare Clark
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wegzulaufen, von hier zu verschwin-
    den, so schnell er konnte, aber etwas hielt ihn fest. Es war nicht
    so sehr der Entschluss zu erledigen, was er sich vorgenommen
    hatte, als vielmehr die Befürchtung, dass sich, wenn er losrannte,
    das Netz aus Gassen und Sträßchen um ihn zusammenzöge und
    er, sosehr er sich auch anstrengte, nie mehr herausfände. Er
    ballte die Faust und schlug mit aller Kraft an die Tür. Dann rief
    er, zaghaft in der dunklen Stille des Hofs, Toms Namen.
    Durch das zerbrochene Fenster konnte Tom die Hutkrempe
    des Mannes sehen. Leise fluchend wartete er ab. Der Mann rief
    erneut seinen Namen. Es war eine helle, beinahe mädchenhafte
    Stimme, scheppernd wie ein Löffel in einem Blechnapf. Sie
    klang nicht wie die eines Polizisten, so viel stand fest. Tom spähte
    durch das Fenster. Plötzlich schob der Mann seinen Hut in den
    Nacken und blickte nach oben, und schnell duckte sich Tom ins
    Dunkel. Er war größer als Tom, unverkennbar, aber trotz seiner
    feinen Klamotten sah er aus wie ein Hungerleider. Wenn er dem
    Scheißer auf den H t
    u spuckte, r
    b äche der unter der Wucht zu-
    sammen, garantiert.
    »Bitte«, flehte der Mann und hämmerte erneut an die Tür.
    »Bitte, wenn Sie da sind, kommen Sie runter. Mr. Harker, der
    Vorarbeiter, schickt mich. Er meint, Sie könnten mir helfen.«
    Tom stutzte. Harker war ein anständiger Kerl gewesen, bevor
    er sich vom Staat hatte ködern und sich den Kopf mit Regeln
    und Vorschriften zukleistern lassen. Tom kannte ihn schon seit
    gut zwanzig Jahren. Obwohl Harker jetzt im Dienst des Amts für
    öffentliche Bauvorhaben stand, hatte er es nie darauf angelegt,
    Tom in Schwierigkeiten zu bringen.
    »Ich bezahle Sie auch dafür. Tom? Hören Sie mich? Nennen
    Sie Ihren Preis. Sie sind meine letzte Hoffnung. Tom?«

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    Die Stimme klang jetzt verzweifelt, beinahe jämmerlich. Tom
    spähte hinunter in den Hof. Der Mann hob die Faust, um ein
    letztes Mal an die Tür zu schlagen, aber bevor seine Hand das
    Holz berührte, ließ er sie sinken. Er sah noch einmal zum Fens-
    ter hoch, machte kehrt und quetschte sich mit eingezogenen
    Schultern durch den Mauerspalt. Im aufgeweichten Boden wa-
    ren seine Fußspuren das Einzige, was von ihm blieb.
    Tom schlüpfte auf der Rückseite des Hauses hinaus und stellte
    sich dem Gentleman am Ende der Gasse in den Weg. Bei Toms
    Anblick zuckte der Mann zusammen und hielt sich die Hand vor
    den Mund. Seine Hände waren rot, seine Lippen jedoch asch-
    fahl, und die Augen traten ihm fast aus dem Kopf. Er sah Tom
    an, als würde er vor Angst gleich zu weinen anfangen.
    »Sie suchen den Langarm

    igen Tom, stimmt̕s?«, fragte Tom.
    Der Mann schluckte, die Miene vor Furcht erstarrt.
    »Is ̕n Freund von mir«, sagte Tom leichthin. »Und da dachte
    ich, ich könnt ihm vielleicht was ausrichten.«
    »Ein Freund?«, brachte Rose stotternd heraus.
    Tom nickte. Rose schluckte erneut und versuchte zu lächeln.
    Seine roten Hände zitterten. »Ein Freund. Das ... das ist ja ...
    wunderbar. Könnten ... könnten Sie mich zu ihm bringen?«
    Tom zuckte die Achsel .
    n »Schon mögl c
    i h. Kommt dra f
    u an,
    was Sie von ihm wollen. Hat Ärger, nicht?«
    »Du meine Güte, nein, absolut nicht.« Rose schüttelte heftig
    den Kopf. »Überhaupt nicht. Ich möchte ihn nur ... ich brauche
    seine Hilfe. Natürlich würde ich ihn dafür beza le
    h n.«
    »Was für eine Hilfe?«
    »Ich fürchte, das muss zwischen Ihrem Freund und mir
    bleiben.«
    »Aber Sie w rden ihn b
    ü
    ezahlen.«
    »Natürlich. Ich bezahle Sie auch, wenn Sie mich zu ihm
    bringen.«

    349
    Tom dachte einen Augenblick nach. »In welcher Branche ar-
    beiten Sie?«, fragte er.
    »Ich ... ich bin Anwalt.«
    Selbst in dem fahlen Licht bemerkte Rose d s
    a Misstrauen in
    den Augen des alten Mannes.
    »Ihr Freund ist nicht in Schwierigkeiten«, wiederholte er.
    »Das schwöre ich. Der Fall, den ich vertrete, hat nicht das Ge-
    ringste mit ihm zu tun. Man hat mir gesagt, er önne
    k
    mir helfen,
    das ist alles.«
    Tom musterte ihn genauer, taxierte ihn. Ein Anwalt. Ob das
    stimmte? Der Vertrag mit dem Captain wog schwer wie ein
    Backstei in
    n
    seinem Jackensaum.
    »Sie sehen gar nicht aus wie ein Anwalt.«
    »Aber ich bin einer, und zwar in einer hoch angesehenen
    Kanzlei.«
    »Sind Sie allein hier?«
    Rose wurde unbehaglich zumute. Er nickte.
    »Ganz allein«, meinte Tom nachdenklich und schüttelte den
    Kopf. »Wie kann sich ein so feiner Herr wie Sie nur auf eigene
    Faust in

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