Die dunkle Villa: Ein Fall für Alexander Gerlach (Alexander Gerlach-Reihe) (German Edition)
Graf und seine Assistentin, die offenbar zugleich sein Betthäschen war, hatten den dunklen Mercedes allein nach Heidelberg geschickt und waren mit dem Volvo die wenigen hundert Meter zu dem Hotel gefahren, wo sich Olivia Opelts Zimmer befand. Hier, hatten sie gedacht, würde Hergarden sie nicht finden, hier wären sie in Sicherheit. Auch vor aufdringlichen Reportern, die dem frisch aufpolierten Star spätestens beim Frühstück auflauern würden. Aber Hergarden war schlauer gewesen, als wir alle gedacht hatten.
Graf atmete einige Male tief ein und aus, als würde er sich auf einen Auftritt vorbereiten. Schluckte. Sagte schließlich mit kaltem Blick in den Lauf der Waffe: »Du bist das größte Arschloch, das die Welt je gesehen hat, Fred. Und jetzt tu endlich dieses blöde Ding weg.«
Mir stockte der Atem.
Die Pistole zitterte ein wenig. Hergarden knirschte so laut mit den Zähnen, dass sogar ich es hören konnte. Aber er drückte nicht ab. Er hatte sein Ziel noch nicht erreicht. »Du hast sie umgebracht«, presste er nach Sekunden heraus. »Los, sag es endlich! Gib es endlich zu!«
»Überhaupt nichts gebe ich zu. Sie ist über ihre eigenen Füße gestolpert, blöd und besoffen, wie sie war. Außerdem, du hättest sie vielleicht nicht so oft allein lassen sollen, wenn du sie so geliebt hast, wie du behauptest.«
»Ich musste doch! Das Geld … Wir haben das Geld gebraucht, das weißt du ganz genau. Bagdad war meine Chance, wir konnten ja nicht mal mehr die Miete … wenn du und Sabeth uns nicht …«
»Du warst immer ein Loser, Fred«, sagte Graf ruhig und geduldig, den Blick jetzt auf Hergardens verzerrtes Gesicht gerichtet. »Du warst ein Loser, du bist ein Loser und du wirst immer ein Loser bleiben. Und – nur der Ordnung halber, und weil die Polizei zuhört: Es stimmt nicht, ich habe sie nicht umgebracht. Die Kripo hat damals eindeutig festgestellt, dass es ein Unfall war.«
»Du hast sie gevögelt!«
In Grafs linkem Mundwinkel zuckte ein böses, verächtliches Lächeln, als er zischte: »Deine Vicky hat sich von jedem vögeln lassen, der was zu sagen und einen Schwanz zwischen den Beinen hatte. Auch das weißt du.«
»Jetzt mal bitte ganz langsam«, mischte ich mich ein. »Wir sind doch vernünftige …«
»Du bist so eine Drecksau!« Hergarden brachte kaum noch die Zähne auseinander. Die Mündung der Pistole hatte sich in den letzten Sekunden Millimeter für Millimeter Grafs Stirn genähert. Jetzt berührte sie ihn fast. Und sie zitterte bedenklich. Graf blieb scheinbar völlig ruhig. »Du bist so eine unglaubliche, so eine … eiskalte … Drecksau.«
»Immer mit der Ruhe«, versuchte ich erneut mein Glück. »Man kann doch über alles reden. Wir sind doch erwachsene Menschen.«
Aber niemand hörte mir zu.
Grafs Blick war jetzt eiskalt.
»Drück doch ab, du Schwächling! Mach endlich ein Ende! Aber das kannst du nicht, was? Dazu fehlt dir der Mumm, oder? Mit einer Knarre rumfuchteln und große Reden schwingen, das kannst du. Aber wenn’s ernst wird, dann bleibst du der Loser, der du immer warst.«
Hergardens Rechte wurde hart. Ich hörte auf zu atmen. Der Zeigefinger krümmte sich, und ich erwartete jede Sekunde den Knall. Aber ich konnte das Signal zur Stürmung des Zimmers nicht geben, da die Leute vom SEK mich hätten über den Haufen rennen müssen, um hereinzukommen. Außerdem konnte jetzt jede Bewegung, jedes Geräusch, jedes Wort Grafs Tod bedeuten. Die Wangenmuskeln des Fernsehstars waren angespannt, der Blick jedoch völlig ruhig und konzentriert. Hinter mir blieb es still. Auch jenseits der Tür hielt man vermutlich den Atem an. Grafs Blick war nicht einmal unfreundlich. Mit einer eisigen, spöttischen Ruhe und einem winzigen Grinsen im Mundwinkel saß er da und erwartete seinen Tod. Der nicht kam. Hergardens Zeigefinger entspannte sich allmählich wieder. Sekunden verstrichen. Hergarden drückte nicht ab. Das Zittern der Waffe in seiner Hand wurde schwächer.
»Du bist so …«, flüsterte er und ließ die Pistole sinken. »Du warst immer schon … Du hast sie gevögelt. Weil du gewusst hast, ich bin weit weg, du hast freie Bahn. Vicky war einsam, ja verdammt, einsam ist sie gewesen. Sie war euch dankbar, weil wir bei euch unterkriechen konnten. Vor allem Sabeth war sie dankbar. Dir nicht. Dir hat das Haus ja nicht gehört. Du, du hast immer nur alle ausgenutzt. Alle. Auf allen bist du rumgetrampelt. Du warst ja immer der Größte. Marcel Graf, der kommende Superstar.
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