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Die geheime Braut

Die geheime Braut

Titel: Die geheime Braut Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Brigitte Riebe
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den er rasch unterdrückte.
    Was scherte ihn schon dieser jämmerliche Zustand?
    Was hier lag, war nichts als eine leere Hülle. Für ihn würde Margaretha bis in alle Ewigkeit lebendig sein. Zum Glück gab es ja das Andenken, das sie in aller Schönheit zeigte – seinen kostbaren Besitz, den keiner ihm mehr nehmen konnte.
    Er zog eine kleine Schere hervor und hielt sie prüfend an den Kopf der Toten.
    Wie viel sich gönnen?
    Die Begierde wuchs angesichts ihrer üppigen Lockenpracht, doch dann entschloss er sich zur Bescheidenheit, setzte die Schere an und schnitt über dem linken Ohr eine Strähne ab, die er sich zunächst an die Nase hielt, um daran zu schnuppern, bevor er sie in einem kleinen Beutel verstaute.
    Ein letzter Blick auf die Tote, den konnte und wollte er sich nicht nehmen lassen.
    War das nicht das Geräusch von Schritten aus der Sakristei, die sich näherten?
    Folglich blieb keine Zeit mehr, den Sarg wieder wie geplant zu schließen.
    Und wenn schon!
    Während er auf das Portal zueilte, um rechtzeitig zu verschwinden, drängte sich ein Lachen in seine Kehle. Er hatte ohnehin eine unverwechselbare Handschrift hinterlassen – und war bereit, es bald wieder zu tun.
    Trotzdem würde niemand in Wittenberg die Spuren verfol gen können. Dafür hatte die Gestalt im dunklen Umhang gesorgt.
    *
    Als Luther die Kanzel bestieg, wurde es so still in St. Marien, dass das Husten des alten Eustach, der seit Ostern Blut spuckte und keine Messe mehr versäumte, besonders laut wirkte.
    Das Kirchenschiff war überfüllt.
    Die ganze Stadt war gekommen, um den Reformator zu hören. Sogar die schwangere Kurprinzessin war überraschend mit kleinem Gefolge erschienen, um ihr Mitgefühl mit der Toten auszudrücken.
    Ganz vorn in der Männerreihe saß der Apotheker, die Wangen eingefallen, die Augen halb geschlossen, hinter ihm Cranach und die Professoren der Leucorea. Jan und die anderen Gesellen hatten mit rückwärtigen Plätzen vorliebnehmen müssen, zusammen mit vielen anderen, die sich neben und vor ihnen auf den harten Bänken drängten.
    Luther begann mit freundlichen Worten über Margaretha Relin, beschrieb ihr bescheidenes Leben, ihren Liebreiz, ihre Freundlichkeit.
    Dann jedoch wurde seine Stimme schneidend.
    »›Siehe, ich lege euch den Weg des Lebens vor und den Weg des Todes‹, so steht es bei Jeremia geschrieben. Und wer dieses junge Leben hinterrücks gemeuchelt hat, der hat den Weg des Todes eingeschlagen.«
    Einige Frauen begannen laut zu weinen, während die Männer finstere Gesichter zogen.
    »Ein Teufel weilt in unserer Mitte«, fuhr Luther fort. »Und seine Attacke hat nicht nur ein kostbares Leben mutwillig beendet, sondern sie gilt uns allen. Sie vergiftet unser Miteinander, sie zerstört das Vertrauen, das wir dem Nächsten gegenüber hegen. Sie macht uns zu Gegnern, die sich argwöhnisch beäugen. Lasst uns diesen unwürdigen Zustand so schnell wie möglich beenden, Brüder und Schwestern! Denn der Lohn der Sünde ist der Tod, die Gnadengabe Gottes aber ewiges Leben in Christus Jesus, unserem Herrn …«
    Susanna rückte enger zu Bini. Muhme Lene hatte angeboten, sich um die Kleinen zu kümmern, damit die beiden mit Katharina an der Totenmesse teilnehmen konnten.
    Das erste Mal, dass Susanna Luther ganz in seinem Element erlebte.
    Das war nicht länger der geistesabwesende Gelehrte, als den sie ihn bislang im Schwarzen Kloster wahrgenommen hatte. Dieser Mann auf der Kanzel brannte, als bestünde er nicht länger aus Fleisch und Blut, sondern aus flüssigem Feuer. Er hatte dem Papst die Stirn geboten, sich mit dem Kaiser überworfen und den Mut besessen, die Missstände innerhalb der Kirche nicht nur zu benennen, sondern sie mit eisernem Besen wegzufegen. Jetzt hielt er ganz Wittenberg einen Spiegel vor, und was er die Menschen darin zu sehen lehrte, ließ manchen erblassen.
    Katharina hing an seinen Lippen, als sauge sie jedes einzelne Wort in sich auf. Verehrung und Hingabe las Susanna in ihren Zügen, vor allem aber unbändigen Stolz, das Weib dieses Mannes zu sein.
    Wie tief die beiden miteinander verbunden waren!
    Und war Katharina nicht auch einst Nonne gewesen wie sie selbst?
    Wieder spürte Susanna jene Sehnsucht in sich aufsteigen, die sie bislang immer niedergekämpft hatte.
    Aber durfte sie solche Gedanken und Gefühle überhaupt haben, wo die Ermordete noch nicht einmal unter der Erde war?
    Als die Orgel einsetzte, glitt ihr Blick zu Jan, den sie ganz hinten in der Männerreihe entdeckt

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