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Die Geisha - Memoirs of a Geisha

Titel: Die Geisha - Memoirs of a Geisha Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Arthur Golden
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machen würde, ohne zu begreifen, warum. Während ich Mameha folgte, konzentrierte ich meine Aufmerksamkeit nicht auf Nobu, sondern auf einen sehr eleganten Herrn, der neben ihm auf derselben Tatami-Matte saß und einen Nadelstreifen-Kimono trug. In dem Moment, da mein Blick auf diesen Mann fiel, überkam mich eine seltsame Reglosigkeit. Da er sich mit jemandem in einer anderen Loge unterhielt, konnte ich nur seinen Hinterkopf sehen. Aber er wirkte so vertraut auf mich, daß ich das, was ich da sah, vorübergehend nicht einordnen konnte. Ich wußte nur, daß er nicht hierher, nicht in diese Festhalle gehörte. Und dann, bevor ich mir über den Grund klarwerden konnte, stieg das Bild vor meinen Augen auf, wie er sich mir auf der Straße unseres Dörfchens zugewandt hatte…
    Es war Herr Tanaka!
    Er hatte sich auf eine Art verändert, die ich nicht zu beschreiben vermochte. Ich sah, wie er die Hand an sein graues Haar hob, und staunte, wie graziös er die Finger bewegte. Warum fand ich seinen Anblick so seltsam beruhigend? War ich vielleicht so benommen vor Überraschung, ihn hier zu sehen, daß ich kaum sagen konnte, was ich wirklich fühlte? Nun ja, wenn ich einen Menschen auf dieser Welt haßte, dann war es Herr Tanaka, das mußte ich mir schnell ins Gedächtnis rufen. Ich würde mich nicht neben ihn knien und sagen: »Ja, Herr Tanaka, welch eine Ehre, Sie wiederzusehen! Was führt Sie denn zu uns nach Kyoto?« Statt dessen würde ich mir etwas ausdenken, um ihm zu zeigen, was ich wirklich von ihm hielt, auch wenn das kaum das richtige Verhalten für eine Lerngeisha war. An Herrn Tanaka hatte ich in diesen letzten Jahren nur sehr selten gedacht. Aber ich war es mir selbst schuldig, nicht besonders freundlich zu ihm zu sein und den Sake nicht in seine Tasse zu gießen, wenn ich ihn auf sein Bein schütten konnte. Ich würde ihn anlächeln, wie es meine Pflicht war, aber ich würde so lächeln, wie ich es von Hatsumomo kannte, und dann würde ich sagen: »Ach, Herr Tanaka, dieser starke Fischgeruch… Ich kriege Heimweh, wenn ich hier neben Ihnen sitze!« Wie erschrocken er wohl sein würde! Oder vielleicht auch: »Aber Herr Tanaka, Sie sehen ja… tatsächlich beinahe distinguiert aus!« Obwohl er, als ich ihn so betrachtete – denn inzwischen hatten wir die Loge, in der er saß, fast erreicht –, tatsächlich distinguiert aussah, weit distinguierter, als ich es mir je hätte vorstellen können.
    Mameha, die gerade bei ihm ankam, ließ sich auf die Knie nieder, um sich zu verneigen. Dann wandte er den Kopf, und zum erstenmal sah ich sein breites Gesicht und die scharf hervortretenden Wangenknochen… und vor allem die Augenlider, die in den Augenwinkeln so straff gefaltet, sonst aber so glatt und flach waren. Und plötzlich schien der ganze Lärm um mich herum zu verstummen, als wäre er der Wind und ich eine Wolke, die von ihm davongetragen wurde.
    Er war mir so vertraut – in mancher Hinsicht vertrauter als mein eigenes Spiegelbild. Aber es war nicht Herr Tanaka. Es war der Direktor.

17. KAPITEL
    Gesehen hatte ich den Direktor nur einen einzigen, kurzen Moment in meinem Leben, aber seitdem hatte ich sehr viel Zeit damit verbracht, an ihn zu denken. Er war wie ein Lied, das ich einmal kurz gehört hatte, das ich aber seitdem ständig in Gedanken sang, wobei sich die Noten im Laufe der Zeit ein wenig verändert hatten – womit ich sagen will, ich hatte erwartet, daß seine Stirn höher und sein graues Haar nicht mehr so dicht sei. Als ich ihn sah, erlebte ich einen Sekundenbruchteil der Unsicherheit, ob es sich wirklich um den Direktor handelte, aber ich fühlte mich so ruhig, daß ich ohne jeden Zweifel wußte, ich hatte ihn gefunden.
    Während Mameha die beiden Herren begrüßte, stand ich hinter ihr und wartete, bis die Reihe an mir war, mich zu verneigen. Was, wenn meine Stimme, sobald ich sprechen wollte, so quietschend wie ein Lappen klang, der über blank poliertes Holz gleitet? Nobu mit seinen tragischen Narben musterte mich, aber ich war nicht sicher, ob der Direktor überhaupt bemerkt hatte, daß ich da war; ich wagte nicht, in seine Richtung zu sehen. Als Mameha ihren Platz einnahm und sich den Kimono über den Knien glattzog, sah ich, daß der Direktor mich mit einem Ausdruck betrachtete, den ich für Neugier hielt. Von all dem Blut, das mir unvermittelt ins Gesicht schoß, wurden meine Füße tatsächlich eiskalt.
    »Direktor Iwamura… Präsident Nobu«, sagte Mameha, »dies ist meine neue jüngere

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