Die Rückkehr des Zweiflers - Covenant 08
hatte. Trotzdem tat er sein Bestes, um sie zu vertreiben. »Hinaus mit dir, Verrückte!«, krächzte er. »Dies ist kein Ort für Fremde. Hinweg, sonst rufe ich ...«
Linden schnitt ihm mit einer energischen Geste das Wort ab. Bevor er widersprechen konnte, ließ sie eine Flamme aus dem Stab lodern. Sie hatte ein Jahrzehnt ohne Gesundheitssinn und Erdkraft an der Oberfläche des Lebens verbringen müssen. In dieser Zeit hatte sie einiges von ihrer Vertrautheit mit den Gaben des Landes eingebüßt, aber den Stab hatte sie in den letzten Tagen mehrmals eingesetzt. Obwohl sie nicht wusste, was sie würde tun müssen, hatte sie trotzdem ihre Nerven trainiert und ihre Wahrnehmungsfähigkeit für dieses vielfache Leid geschärft. Zumindest in dieser Beziehung war sie bereit.
Linden schickte behutsam eine gelbe Feuerwand aus, makellos rein wie Sonnenlicht, die den Feldscher wie ein Kokon umhüllte. Sie wusste genau, was er brauchte: Sie spürte es im eigenen Blut, in den eigenen Knochen. Mit hellwachem Instinkt fand sie seine Müdigkeit, seine Krankheiten, die zahlreichen Infektionen, denen er ständig ausgesetzt war, und fegte sie hinweg. Dabei hörte sie kaum, wie die beiden anderen Feldschere erschrocken um Hilfe schrien. Aus ihrer Perspektive musste es aussehen, als werde ihr Kamerad lebendig verbrannt.
Sie achtete auch nicht auf die lauten Stimmen von außerhalb des Zelts. Als hinter ihr Krieger ins Lazarettzelt gestürmt kamen, ignorierte Linden sie ebenfalls. Ihre Konzentration ließ keine Störung zu.
Das Herz des Feldschers hatte Zeit, zwei- oder dreimal zu schlagen, während sie arbeitete. Dann entließ sie ihn aus dem Feuer. Von den geistigen und emotionalen Strapazen seiner Arbeit konnte sie ihn nicht befreien, aber sie ließ ihn vollständig geheilt zurück: vor Überraschung taumelnd, vor Freude, Erleichterung und Wohlbefinden strahlend.
Linden wandte sich sofort ab und kniete bei dem nächsten Verwundeten nieder. Dieser Krieger war eine Frau, der Linden ansah, dass sie nicht bereits im Sterben lag. Sie würde vielleicht noch ein paar Tage durchhalten, bis Fieber und Infektion ihre Widerstandskraft besiegten. Der Schwerthieb, der ihren Brustharnisch gespalten und ihre Rippen freigelegt hatte, war nicht unbedingt tödlich. Hygiene und Ruhe konnten diese Wunde von selbst heilen lassen. Aber der linke Fuß war ihr knapp oberhalb des Knöchels abgenommen worden – und dort lag die wahre Gefahr. Ihr Schienbein war eine einzige vereiterte, stark schmerzende Wunde. Wo einer der Feldschere versucht hatte, ihr das Leben zu retten, ragten Knochensplitter aus dem eiternden, von Maden wimmelnden Beinstumpf. Sie war hier bei weitem nicht die am schwersten Verwundete. Sie lag nur am nächsten, deshalb hatte Linden sich für sie entschieden.
Die beiden Feldschere riefen weiter um Hilfe. Linden hörte rasche Schritte hinter sich, dann wurden klirrend Schwerter gezogen. Hier konnte niemand verstehen, was sie tat. Die anderen sahen nur Feuer und hatten Angst. Linden musste ihnen demonstrieren, was ihr Tun bewirkte, ehe sie von hinten durchbohrt wurde. Sie schloss hastig die Augen, fokussierte ihre Gedanken und umgab die Verwundete mit Erdkraft. Mit dem Feuer des Stabs brannte sie Eiter und Maden weg, neutralisierte Gifte, ließ zuvor entferntes abgestorbenes Gewebe verheilen, fügte Knochensplitter wieder zusammen. Und sie verursachte dabei keine Schmerzen, sondern die feurige Wirksamkeit des Stabs war so schmerzlindernd wie das stärkende Wasser des Sees Glimmermere.
Hinter ihr rief der erste Feldscher erschrocken: »Halt!« Sie fühlte, dass er einen Satz machte, um einen Schwerthieb zu verhindern. »Weg da!« Seine Stimme wurde mit jedem Augenblick lauter und kräftiger. »Himmel und Erde, seid ihr denn blind? Sie hat mich geheilt! «
Scharfer Stahl war vermutlich nur eine Handbreit von ihrem Nacken entfernt, aber Linden ließ sich durch nichts ablenken, während sie weiter die Verletzte behandelte. Erst als sie fertig war, ließ sie das Feuer des Stabs erlöschen und hob den Kopf.
Die zurückgeschobene Kapuze ihres Umhangs berührte eine Schwertklinge. »Was soll der Wahnsinn?«, fragte eine Stimme hinter ihr, eine barsche Männerstimme. »Sie hat eine Frau angezündet, die hätte überleben können, und du willst sie verschonen? «
»Sieh genau hin!«, drängte der Feldscher. »Überzeug dich davon, was sie getan hat. Sie schadet niemandem. Bei meinem Leben«, fügte er verwundert und sanfter hinzu, »ich hatte
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