Die Rückkehr des Zweiflers - Covenant 08
böser Sturz nur mit viel Glück zu vermeiden gewesen.
Plötzliches starkes Schwindelgefühl verunsicherte Linden: der körperliche Effekt von übergangsloser Bewegung. Einige Herzschläge vergingen, bis sie ihr Gleichgewicht wiederfand. Tief durchatmend um Ruhe bemüht, keuchte sie: »Einfach so.«
Sie war vage entsetzt, obwohl sie gewusst hatte, was geschehen würde. Soweit sie beurteilen konnte, hatte nichts – weder ihre Umgebung noch irgendein Aspekt des Gesetzes – Schaden genommen. Die mit Bewegung verbundene normale körperliche Anstrengung war lediglich durch eine Konzentration magischer Kräfte ersetzt worden. Das war doch bestimmt kein Grund zur Sorge? Und trotzdem fühlte sie sich unerklärlich bedrückt, als habe sie soeben von einem gewalttätigen Akt profitiert.
»Einfach so«, bestätigte Covenant. Unter seiner offenkundigen Befriedigung hörte Linden wieder Sarkasmus heraus. »Das war nichts Besonderes. Aber jedes bisschen hilft uns weiter. Und sobald wir die Berge erreichen ...« Er deutete nach Nordwesten. »... brauchen wir nicht mehr so vorsichtig zu sein. Dort kann dieser verdammte Forsthüter uns nicht erreichen.«
Linden erinnerte sich wehmütig daran, dass Thomas Covenant die herrlichen Wälder Andelains unendlich geliebt hatte. Er war Caer-Caveral mit Achtung und Ehrerbietung begegnet. Und sie selbst empfand den stummen Zorn der Kluft nur als leicht beängstigend: Sie verstand ihn zu gut und sah zu viel Schönheit im Herzen des Waldes verborgen, um sich von ihm abgestoßen zu fühlen.
Sie verstand den Mann nicht, der behauptete, das Land erlösen zu wollen.
Ich will ihm diese Schmerzen heimzahlen.
Seine angeknacksten Rippen waren wie Jeremiahs Gesichtswunden erstaunlich rasch verheilt, und er musste gewusst haben, dass sie ihn nicht lange behindern würden. Unter diesen Umständen hätte er sie als belanglos abtun können. Sein früheres Ich hätte das bestimmt getan. Er hatte zugelassen, dass Joan ihn mehrfach verletzte, hatte sich für sie geopfert ... Nein, der Thomas Covenant, der Lord Foul zweimal besiegt hatte, hätte nicht darauf bestanden, sich an Inbull zu rächen. Linden seufzte. Noch immer sehnte sie sich nach ihrem früheren Geliebten, ebenso, wie sie um ihren Sohn trauerte. Trotzdem musste sie sich eingestehen, dass Covenant nicht mehr existierte. Es gab kein Portal, das in diese Vergangenheit führte.
*
Nach weiteren vier »kurzen Sprüngen« hatten Linden und ihre Gefährten nach Jeremiahs Schätzung etwa zwanzig Meilen zurückgelegt, und ihre Gleichgewichtsstörungen, die Schwäche und das Unwohlsein nahmen bei jedem Sprung zu. Die von Covenant und Jeremiah eingesetzte Energie schien mehr und mehr Lord Fouls Blitzgewitter zu gleichen, als der Verächter Joan das Leben geraubt hatte. In dem wilden Toben des Sturms hatte Linden Augen wie Reißzähne gesehen – oder sie sich zumindest eingebildet. Jetzt ahnte sie die kariöse Bösartigkeit des Verächters in jeder theurgischen Detonation, die sie dem Rand der Würgerkluft folgend weiterbeförderte.
Vielleicht hatte sie Halluzinationen oder albtraumhafte Wachträume, um ihre Schwäche und Verwirrung, ihren Verlust an kohärenter Wahrnehmung zu erklären. Trotzdem glaubte sie, ein zunehmendes Knistern ihrer Nerven wie von atmosphärischen Störungen zu spüren, das sich zu einer Ladung ansammelte, die ihren Körper zerreißen würde. Sie hatte Lord Fouls Augen auch in dem Feuer gesehen, das Jeremiah verstümmelt hatte ...
Während sie gegen dieses immer stärker werdende Kribbeln ankämpfte, bat Linden: »Können wir kurz rasten? Irgendetwas ist nicht in Ordnung. Ich muss ...«
»Nein!«, knurrte Covenant. »Sie haben uns entdeckt. Wir müssen weiter.«
Die Anspannung in seiner Stimme – die schrille Mischung aus Überschwang und Angst – war alarmierend. Er schwitzte stark, als beanspruche die Last der vielen Aufgaben, die er gleichzeitig bewältigen musste, endlich sogar seine unnatürliche Ausdauer über Gebühr. Das Weiße seiner Augen glänzte wie in beginnender Panik. Seine Hände zitterten.
Als Linden sich herumwarf, stellte sie fest, dass auch ihr Sohn schwitzte, als sei er meilenweit gerannt. Besorgnis oder Konzentration verdunkelte seinen schlammigen Blick, und sein Mund stand offen, wie sie ihn in Erinnerung hatte: Er sah aus, als könne er jeden Augenblick in seiner persönlichen Dissoziation zu sabbern beginnen.
Das unterschwellige Gemurmel der zahlreichen Stimmen der Würgerkluft war
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