Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Die Tote im See

Die Tote im See

Titel: Die Tote im See Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Raymond Chandler
Vom Netzwerk:
während sie ganz sanft auf mich zukam, ohne daß man ihre Schritte auf dem Teppich gehört hätte.
    »Ich habe keine Angst«, log ich. »Es ist zu spät in der Nacht, zu still, und das Fenster ist offen, und der Revolver würde zu viel Lärm
    machen. Es ist eine lange Reise bis runter zur Straße, und Sie sind mit dem Revolver nicht besonders gut. Wahrscheinlich würden Sie
    mich verfehlen. Sie haben Lavery dreimal verfehlt.«
    »Stehen Sie auf«, sagte sie.
    Ich stand auf.
    »Ich werde zu nah sein, um Sie verfehlen zu können«, sagte sie. Sie
    drückte den Revolver gegen meine Brust. »Etwa so nah. Jetzt kann ich Sie wirklich nicht verfehlen, oder? Und jetzt bleiben Sie ganz ruhig. Nehmen Sie die Hände hoch, bis zu den Schultern und rühren Sie sich nicht. Wenn Sie sich rühren, geht der Revolver los.«
    Ich nahm meine Hände seitlich der Schultern hoch. Ich blickte
    zum Revolver hinunter. Meine Zunge fühlte sich ein wenig dick an,
    aber ich konnte sie noch bewegen.
    Ihre tastende linke Hand fand keinen Revolver bei mir. Sie ließ sie
    211
    fallen und biß sich auf die Lippen, während sie mich anstarrte. Ihr Revolver bohrte sich in meine Brust. »Sie müssen sich jetzt umdrehen«, sagte sie höflich wie ein Schneider bei der Anprobe.
    »Sie übersehen immer eine Kleinigkeit bei allem, was sie tun«, sag‐
    te ich. »Jetzt steht es fest, daß Sie mit dem Revolver nicht umgehen
    können. Sie sind viel zu nah bei mir. Und, es ist mir fast unangenehm, das zu erwähnen, aber Sie machen den alten Fehler, Sie haben die Waffe nicht entsichert. Auch das haben Sie übersehen.«
    Sie fing zwei Sachen zur gleichen Zeit an. Sie machte einen großen
    Schritt zurück und prüfte mit ihrem Daumen den Sicherheitsver‐
    schluß, ohne ihre Augen von meinem Gesicht abzuwenden. Zwei
    ganz simple Sachen, die nur eine Sekunde Zeit beanspruchten. Aber
    sie mochte es nicht, daß ich’s ihr sagen mußte. Sie mochte es nicht,
    daß ich ihr meine Gedanken aufzwang. Die eine Sekunde der Ver-wirrung blockierte sie.
    Sie gab einen kleinen erstickten Laut von sich. Ich ließ meine rech‐
    te Hand hinunterfallen und drückte ihr Gesicht mit aller Kraft gegen
    meine Brust. Meine linke Hand sauste auf ihr rechtes Handgelenk, mit meinem Handrücken gegen ihre Daumenwurzel. Der Revolver
    fiel ihr aus der Hand auf den Boden. Ihr Gesicht stemmte sich gegen
    meine Brust, und ich glaube, daß sie zu schreien versuchte.
    Dann versuchte sie nach mir zu treten und verlor dadurch den
    letzten Rest von Gleichgewicht. Ihre Hände fuhren hoch, um mich zu kratzen. Ich packte sie beim Handgelenk und fing an, es hinter ihren Rücken zu drehen. Sie war sehr stark, aber ich war sehr viel stärker. Deshalb versuchte sie, sich schlaff fallen zu lassen und dadurch ihr volles Gewicht gegen meine Hand, die ihren Kopf preßte,
    zu drücken.
    Mit einer Hand konnte ich sie nicht festhalten. Sie glitt langsam hinunter, und ich mußte mich zusammen mit ihr hinunterlassen.
    Nur die unbestimmten Geräusche von unserer Balgerei auf dem
    Boden neben dem Sofa und unser Keuchen waren zu hören. Falls
    212
    außerdem eine Diele knarrte, hörte ich es nicht. Ich vermeinte einen
    Gardinenring zu hören, der klirrend gegen die Stange schlug. Aber
    ich war nicht sicher, und mir blieb auch nicht genügend Zeit, um mir darüber klar zu werden. Eine Gestalt tauchte undeutlich und drohend plötzlich von links auf, genau hinter mir, und ohne daß ich
    sie klar hätte erkennen können. Ich konnte lediglich wahrnehmen, daß es ein Mann war und daß er sehr kräftig zu sein schien.
    Das war alles, was ich wahrnahm. Die Szene explodierte in Feuer
    und Dunkelheit. Ich konnte mich nicht einmal erinnern, daß ich zu
    Boden geschlagen worden war. Feuer und Dunkelheit, und im Au‐
    genblick, bevor es dunkel wurde, durchfuhr mich blitzartig ein Ge‐
    fühl der Übelkeit.
    Ich roch nach Gin. Nicht bloß so, als hätte ich vier oder fünf Drinks
    an einem Wintermorgen gekippt, um besser aus den Federn zu
    kommen. Sondern so, als ob der Pazifische Ozean aus purem Gin bestünde und ich gerade einen Kopfsprung von einem Schiff hinein
    gemacht hätte. Der Gingeruch kam aus meinen Haaren und aus
    meinen Augenbrauen, von meinem Kinn und von darunter. Auch
    mein Hemd roch danach. Ich roch wie eine präparierte Kröte.
    Meine Jacke war weg, und ich lag flach auf dem Rücken neben ei‐
    nem Sofa auf dem Teppich von irgend jemand und blickte auf ein Bild in einem Rahmen. Der Rahmen war aus billigem,

Weitere Kostenlose Bücher