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Dogma

Dogma

Titel: Dogma Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Raymond Khoury
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fragte sie.
    «
‹Was den Schmerz betrifft, wie von einer Hand, die in der Schlacht abgeschlagen wird, sieh den Körper als Kleid, das du trägst. Die leidvollen, heroischen Taten eines Mannes und einer Frau sind dem Tuchmacher edel, wo den Derwischen der leichte Hauch des Geistes das Höchste ist.›
Das ist aus einem Gedicht. Einem Sufi-Gedicht, geschrieben von keinem anderen als Rumi persönlich.»
    Das verblüffte Tess. «Ein Sufi-Gedicht? Hier? Auf Griechisch geschrieben?»
    Der Byzantinist nickte. «Das ist zwar ungewöhnlich, aber doch wiederum nicht allzu überraschend. Rumi hat in Konya gelebt und ist dort gestorben. Konya liegt nur ein paar hundert Meilen westlich von hier und war das Zentrum des Sufismus. Ist es noch, wenigstens spirituell gesehen. Die Sufis und die Christen in diese Täler waren gewissermaßen Verbündete – beide waren Außenseiter, Andersgläubige in einem Meer von sunnitische Muslim.»
    «Sehen wir uns jetzt das Grab an», unterbrach der Iraner ihn. Ausnahmsweise war sein Tonfall nicht völlig gleichmütig, sondern ungeduldig.
    Abdülkerim sah ihn in stummer Resignation an und zuckte die Schultern. «Hier entlang», murmelte er.
    Die drei folgten im Gänsemarsch dem Strahl der Taschenlampe durch den engen Gang an der Seitenapsis. Hierher drang kaum noch Tageslicht, aber der Lichtschein der Lampe war stark genug, um bis zur Decke zu reichen, die mit einem kunstvollen Reliefmuster aus Kreuzen in einem Rautengitter verziert war.
    Der Gang führte zu einer steilen, schmalen Wendeltreppe, die abwärtsführte. Am unteren Ende befand sich ein kleiner Raum mit fünf Durchgängen in den Wänden, die zu weiteren Räumen führten. Abdülkerim leuchtete mit der Taschenlampe kurz in jeden dieser Räume, um sich zu orientieren, dann sagte er: «Dieser hier ist es.»
    Er führte Tess und Zahed in die Krypta, einen langgestreckten Raum mit niedriger Decke. Tess bemerkte im Tuffgestein des Bodens zu beiden Seiten des Raumes jeweils eine Reihe von Rechtecken festgestampfter Erde. Sie waren kaum zu erkennen, aber doch vorhanden, gerade groß genug für einen menschlichen Körper. An den Wänden darüber befanden sich in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen Inschriften. Bei näherem Hinsehen erkannte Tess, dass es sich um Namen handelte.
    «Das sind Kirchenälteste und Gönner», erklärte Abdülkerim. «Es kostete viel Geld, diese Kirchen in den Felsen zu graben und auszuschmücken. Allein die Farbe kostete damals ein Vermögen. Indem sie für diese Kirche bezahlten, haben diese Leute sich den Zutritt zum Himmel erkauft. Und eine Grabstätte hier.»
    Tess ließ den Blick über die Namen gleiten und blieb an einem der Gräber stehen. Sie erkannte die griechischen Buchstaben. «Das hier ist es», sagte sie.
    Zahed und Abdülkerim traten neben sie.
    «‹Die eine wahre Hand›», las sie.
    Sie warf einen Blick zu dem Iraner und ahnte schon, was jetzt kommen würde. Und richtig, er holte das Werkzeug mit Spitzhacke und Schaufel aus dem Rucksack und drückte es ihr in die Hand.
    «An die Arbeit.»

[zur Inhaltsübersicht]
Kapitel Vierzig
    Hier fiel das Graben schwerer, aber wenigstens handelte es sich nur um ein Einzelgrab.
    Die Luft in dem engen Raum war zum Ersticken. Der Staub, der beim Graben aufgewirbelt wurde, drang in Nase und Mund, und bald wurde auch noch der Strahl der Taschenlampe schwächer. Tess strengte sich noch mehr an – sie wollte so schnell wie möglich wieder ins Freie.
    Die Leiche, die sie fanden, war mumiengleich in gut einen halben Meter breite Streifen aus weißem Leinen eingewickelt und mit Samen bedeckt, die längst versteinert waren. Tess und Abdülkerim beugten sich darüber und lösten behutsam das steife Gewebe. Das Gerippe darin war zerfallen, die Knochen lagen ungeordnet, aber eines war sehr bald klar: Die Handknochen gehörten zu einer einzigen Hand.
    Und noch etwas fanden sie.
    Eine Handprothese aus Kupfer. Teilweise zersetzt und stark angelaufen, war sie von einer dunkelbraunen Patina mit grünlich blauen Flecken überzogen. Sie wirkte bemerkenswert naturgetreu und kunstvoll geschmiedet, wenn man bedachte, dass sie vor siebenhundert Jahren gefertigt worden war.
    Tess hielt die Prothese hoch. «Es ist Conrad», sagte sie zu dem Iraner und sah ihn fragend an.
    «Wenn er es bei sich hatte, muss es hier irgendwo sein», stellte er nach kurzem Nachdenken fest und entschied: «Holen Sie ihn raus. Sehen wir nach, ob da unten noch was ist.»
    Tess und der Byzantinist

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