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Gruppenbild mit Dame: Roman (German Edition)

Gruppenbild mit Dame: Roman (German Edition)

Titel: Gruppenbild mit Dame: Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Heinrich Böll
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wohl Ende 44 nicht mehr an. Der lebte auf ziemlich großem Fuß, dieser freche
     junge Herr: nur die besten Hotels, wenn er mit mir, wie ers auch nannte, ›ne Platte auflegen‹ wollte, Sekt und so – das Wichtigste
     war, es zeigte sich, daß er nicht nur frech, auch ein Angeber war, er quatschte, wenn er ein bißchen betrunken war, alles
     aus. Handelte mit allem, was überhaupt möglich war: mit Schnaps und Zigaretten natürlich, Kaffee und Fleisch, aber seine einträglichsten
     Geschäfte waren Urkunden für Ordensverleihungen, Verwundetenzettel, Soldbücher – das Zeug hatte er bei irgendeinem Rückzug
     haufenweise mitgehen lassen, und Sie können sich denken, als ich hörte, Soldbücher, da wurde ich wachsam, wegen Boris und
     Leni. Nun, ich ließ ihn erst einmal quatschen, |274| dann verhöhnte ich ihn, bis er mir das Zeugs zeigte , und tatsächlich: der hatte immer einen Pappkarton von der Größe eines Lexikonbandes voller gestempelter und unterschriebener
     Formulare, auch Urlaubsscheine und Fahrscheine. Gut. Ich ließ es dabei – aber den hatten nun wir in der Hand, während er über uns immer noch nichts wußte. Ich fragte ihn ganz vorsichtig nach den Russen aus, er fand, das
     wären arme Säue, und er ließe auch bei denen manchmal ein paar Aktive springen, und seine Kippen bekämen die sowieso, und
     es läge ihm nichts daran, sich zusätzlich Feinde zu machen. Der Boldig nahm für ein EKI dreitausend Mark und fand das ›geschenkt‹
     und für ein Soldbuch fünftausend, das ›ist doch je nachdem eine Lebensrettung‹ – und seine Verwundetenzettel wurde er alle
     los, als die große Rückflut aus Frankreich kam und sich die Deserteure in den Trümmern versteckten, die schossen sich gegenseitig
     – mit gehörigem Abstand versteht sich – ins Bein oder in den Arm und waren dann mit ihrem Verwundetenzettel legalisiert. Ich
     arbeitete ja damals schon zwei Jahre im Lazarett und wußte, wie es Selbstverstümmlern ergeht.«
     
    Pelzer: »Das war die Zeit, wo das Geschäft vorübergehend abzuflauen begann. Ein Glück war, daß der Kremp, der ewig Ärger mit
     seiner Prothese hatte, für ein paar Monate ins Lazarett mußte. Ich hätte glatt zwei, drei Leute entlassen können – Erklärung:
     es wurde nicht weniger gestorben, aber die Evakuierung der Stadt wurde nun konsequenter und auch rigoroser durchgeführt. Die
     Verwundeten wurden schon gar nicht mehr so häufig alle in unsere Stadt gebracht, sondern gleich weg über den Rhein. Nun, zum
     Glück ließen sich die Schelf und die Zeven freiwillig nach Sachsen evakuieren – und schließlich waren wir fast ›unter uns
     Pastorentöchtern‹, wenn man so will; aber auch die restlichen Leute halbwegs zu |275| beschäftigen, war schon schwierig genug. Ich steckte schließlich die Leute ins Treibhaus – aber auch so bliebs ein lahmer
     Betrieb, der kaum die Unkosten deckte. Im Jahre 43 hatten wir sogar Doppelschicht, manchmal Nachtschicht gemacht, nun kam
     eine Flaute, dann plötzlich wieder eine Steigerung, die mit der gesteigerten Luftangriffstätigkeit der Engländer zusammenhing
     – nun, wir gehören nun mal zum Beerdigungsgewerbe –, und es gab wieder Tote genug in der Stadt, ich holte die Leute aus dem
     Treibhaus zurück, führte wieder Doppelschicht ein, und in diese Zeit fiel eine, man kann schon sagen, Erfindung von der Leni,
     die das Geschäft erheblich belebte. Sie hatte irgendwo ein paar zerschlagene Töpfe mit Erika entdeckt und fing einfach an,
     draus körperlose Kränze zu flechten, kleine, straff geflochtene Dinger, die natürlich den Verdacht der Römerei wieder aufkommen
     ließen – aber nur ein paar Idioten dachten schon ab Mitte 44 noch an solche Kinkerlitzchen –, Leni brachte es darin zur Meisterschaft,
     diese Kränze waren klein, handlich, fast metallisch, wurden später sogar mit einem Firnis versehen, und Leni flocht die Initialen
     des Verstorbenen oder des Spenders hinein, manchmal auch, wenn sie nicht zu lang waren, die vollen Namen: Heinz ging noch
     gerade und Maria, dabei entstanden hübsche Kontraste: Grün auf Violett, und nie, nicht einmal verletzte sie das Gesetz der
     Garnierung im linken oberen Kranzdrittel. Ich war entzückt, die Kunden begeistert – und da wir noch ungehindert, auch ohne
     sonderliche Gefahr über den Rhein konnten, wars auch kein Problem, karrenweise Heidekraut herbeizuschaffen. Sie übertraf sich
     selbst manchmal, wenn sie religiöse Symbole, Anker, Herzen, Kreuze

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