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Ich hänge im Triolengitter - Bauermeister, M: Ich hänge im Triolengitter

Ich hänge im Triolengitter - Bauermeister, M: Ich hänge im Triolengitter

Titel: Ich hänge im Triolengitter - Bauermeister, M: Ich hänge im Triolengitter Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Mary Bauermeister
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den Nachbarn.
    Nach der Eröffnung der Ausstellung in Amsterdam fuhren Stockhausen und ich ein zweites Mal nach Finnland. Diesmal nahmen wir Suja mit, die älteste Tochter von Doris und Karlheinz. Wieder waren ein Konzert und Lesungen an der Sommeruniversität von Jyväskylä geplant. Ich selbst hielt dort zwei Vorträge über neue Kunst. Im Stedelijk Museum hatte ich die Arbeiten von vier amerikanischen Künstlern fotografiert, die in einer Nebenausstellung zu meiner gezeigt wurden, und konnte nun in Finnland Dias der Werke von, unter anderem, Jasper Johns und Robert Rauschenberg zeigen. Damals gab es ja noch wenig Bildbände über ausgefallene neue Kunst. Ich sprach auf Deutsch, der finnische Musikkritiker Seppo Heikinheimo übersetzte. Ich zog Vergleiche von Kunst zu Philosophie und Musik, brachte den Begriff des élan vital , der schöpferischen Lebenskraft, den der französische Philosoph Henri Bergson geprägt hatte, mit der Haltung der abstrakten Expressionisten in Zusammenhang. Stockhausen war stolz auf mich. Es war ihm wichtig, mich nicht nur als seine Geliebte vorzustellen. Ich sollte ebenbürtig neben ihm stehen. Auf seinen Konzerttourneen knüpfte er auch immer wieder Kontakte für mich.
    In der Nacht vor der Ausstellungseröffnung in Amsterdam hatte ich geträumt, dass sich meine Bilder zusätzlich zu ihrer horizontalen Erweiterung auch in die Tiefe öffneten. Ich konnte in jedes meiner Bilder hineinwandern, sie wurden Bildräume. Dieser Traum war ein Anstoß für meine späteren Boxen, »Denkkästen« nenne ich sie heute noch. Doch erst 1964 sollte ich in New York eine erste solche Box ausstellen und damit die dortige Kunstwelt für mich gewinnen. Die überbordenden Boxen mit den lichtbrechenden Linsen und Spiegeln faszinierten die Betrachter, wenn sie die darunterliegenden Schriften, Zeichnungen und Objekte betrachteten. Aber das gehört in ein späteres Kapitel.

6
Zu neuen Ufern
    Zur Schülerschaft der Darmstädter Ferienkurse hatte 1961 auch Jack Brimberg gehört, ein siebenunddreißigjähriger, wohlhabender amerikanischer Bankierssohn. Er war ein hervorragender Pianist, wollte aber Komponist werden und eiferte der Neuen Wiener Schule um Schönberg nach. Dennoch war es sein sehnlichster Wunsch, Student bei Stockhausen zu sein. Die Bewerber für die Ferienkurse schickten im Vorfeld Partituren ein und hofften nach deren Beurteilung auf Aufnahme. Jack Brimberg hatte nur einen Plan eingeschickt, in dem er schilderte, was ihm vorschwebte, ein großes Werk. Einige Seiten Noten waren beigelegt, auch ein bisschen Rilke-Literatur. Stockhausen war neugierig auf den Kauz, so nannte er den fünf Jahre Älteren, und hatte ihn als Studenten akzeptiert.
    Ein Jahr später lud Jack uns nun alle in die USA ein, die ganze Familie, das heißt Karlheinz, Doris und mich samt den Kindern und einem Kindermädchen. Er hatte von einem Baron Rothschild eine Villa in Locust Valley auf Long Island gekauft, um uns alle unterzubringen, sie hieß »Stillhouse Residence«. Dort gab es viel Platz, auch für mich zum Bildermalen. Suja, die älteste Tochter Stockhausens, konnte die nahe liegende elementary school besuchen. Als einzige Gegenleistung erbat sich Jack Kompositionsunterricht von Stockhausen. So zogen wir von Oktober 1962 bis März 1963 für sechs Monate in das riesige Anwesen.
    Wir stellten uns dieses Stillhouse, rings umgeben von Park und Wäldern, als eine Art Schutzzone vor, denn keiner kannte uns dort. Es war keine Verteidigung nach außen nötig, keine Rechtfertigung unserer Ehe zu dritt. Wir wollten endlich ungestört von der Gesellschaft unsere Beziehung erfahren und überprüfen. Hier könnten wir versuchen, ohne Druck von außen einen normalen Arbeitsalltag zu leben.
    Stockhausen saß an der Neufassung des Orchesterwerks Punkte , ich an einem Pünktchenbild mit dem Titel Ordnungsschichten . Es war eine Fortsetzung des Bildes Rechts draußen von 1962, das sich thematisch mit dem Aufeinandertreffen zweier Gegenpole, nämlich Schwarz und Weiß, und der Einführung eines dritten Elements, Rot, befasst. Bei Ordnungsschichten ging es wieder um drei Elemente, diesmal Wesensarten. Etwas ganz Geordnetes, streng Strukturiertes trifft auf etwas Freies, Spontanes, chaotisch Erscheinendes, und ein Drittes versucht, beides zu integrieren. Der rote Kreis aus dem Vorgängerbild zerreißt hier in drei Fetzen, die in verschiedene Richtungen auseinanderstreben. War das eine Vorahnung? Beschwor ich durch dieses Bild vielleicht eine

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