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Julie oder Die neue Heloise

Titel: Julie oder Die neue Heloise Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Jean-Jacques Rousseau
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Herr v. Wolmar am häufigsten in Bezug auf die Erheiterungen der beiden Cousinen wiederholt, ist diese, daß ein kleinliches und trauriges Leben der Eltern fast immer die erste Quelle der Unordnungen ist, in welche die Kinder verfallen.
    Julie, die nie etwas Anderes zur Richtschnur nahm, als ihr Herz, und auch keine zuverlässigere finden könnte, folgt dem Antrieb desselben unbedenklich, und thut, um Gutes zu thun, Alles, was es von ihr fordert. Es verfehlt nicht, viel von ihr zu fordern, und Niemand versteht besser als sie, Dem Werth beizulegen, was das Leben süß macht. Wie sollte diese empfindsame Seele für Freuden unempfindlich sein? Im Gegentheil, sie liebt sie, sie sucht sie, sie entzieht sich keiner, die ihr wohlthut. Man sieht, daß sie sie zu genießen versteht, aber ihre Freuden sind die Freuden einer Julie. Sie vernachlässigt weder was zu ihrer eigenen Gemächlichkeit noch was zur Gemächlichkeit der Andern, die ihr lieb sind, das heißt, ihrer ganzen Umgebung, dienen kann. Sie achtet nichts für überflüssig, was zu dem Wohlsein eines vernünftigen Wesens beitragen kann, aber überflüssig nennt sie Alles, was nur dazu dient, in den Augen Anderer zu glänzen, so daß man in ihrem Hause den Luxus des Vergnügens und der Genüsse ohne Verfeinerung und Weichlichkeit findet. Was den Luxus der Pracht und der Eitelkeit anlangt, so sieht man davon nur so viel, als sie dem Geschmacke ihres Vaters nicht hat versagen können, und auch darin selbst erkennt man noch immer den ihrigen, dessen Wesen es ist, den Dingen weniger Glanz und Schimmer als Zierlichkeit und Anmuth zu geben. Wenn ich ihr erzähle, was für Erfindungen in Paris und London täglich gemacht werden, um die Kutschen sanfter in Federn zu hängen, so billigt sie das einigermaßen; wenn ich ihr aber sage, bis zu welchen Preisen man den Firniß nimmt, so versteht sie mich nicht, und fragt nur, ob denn dieser schöne Firniß etwa zur Bequemlichkeit der Wagen beiträgt. Sie hält es für ausgemacht, daß ich sehr übertreibe, wenn ich ihr von den skandalösen Bildern sage, die man mit großen Kosten anstatt der Wappen, die ehemals in Gebrauch waren, auf die Wagen malen läßt; als ob es schöner wäre, sich den Vorübergehenden als einen Mann von schlechten Sitten, denn als einen Mann von Stande anzukündigen. Am meisten war sie empört, als sie hörte, daß die Frauen diesen Gebrauch eingeführt, oder doch begünstigt hätten, und daß deren Karossen sich von denen der Männer nur durch etwas unanständigere Gemälde unterschieden. Ich war genöthigt, ihr hierüber ein Wort Ihres ausgezeichneten Freundes anzuführen, welches sie viel Mühe hatte zu verdauen. Ich war eines Tages bei ihr, als man ihr ein v
is-à-vis
dieser Art zeigte. Kaum hatte sie die Augen auf den Schlag fallen lassen, als sie hinwegging, und zu dem Besitzer sagte: Zeigen Sie diese Kutsche Frauen vom Hofe; ein anständiger Mensch wird nicht wagen, sich ihrer zu bedienen.
    Wie es der erste Schritt zum Guten ist, nichts Böses zu thun, so ist es der erste Schritt zum Glücke, keine Leiden zu haben. Diese beiden Sätze, die wohl verstanden, viele Moralvorschriften überflüssig machen würden, hält Frau von Wolmar werth. Sie besitzt eine außerordentliche Empfindlichkeit für eigenes wie für fremdes Unwohlsein, und eswürde ihr nicht leichter fallen, sich glücklich zu fühlen, wenn sie sich von Unglücklichen umgeben sähe, als dem rechtschaffenen Manne, seine Tugend stets rein zu bewahren, wenn er beständig unter schlechten Menschen lebt. Ihr Mitleid ist nicht jenes barbarische, welches sich damit begnügt, von Leiden, die man lindern könnte, die Augen abzuwenden, sie sucht die Leidenden auf, um ihnen zu helfen: daß es Unglückliche giebt, nicht der Anblick solcher ist ihr eine Marter; und es ist ihr nicht genug, nicht zu wissen, daß es welche giebt, sie muß, um ruhig zu sein, wissen, daß es keine giebt, wenigstens in ihrer Umgebung, denn das hieße die Grenzen der Vernunft überschreiten, wenn man sein Glück von dem Glücke aller Menschen abhängig machen wollte. Sie erkundigt sich nach den Bedürfnissen ihrer Nachbarschaft, mit der Wärme, die man sonst an seine eigenen Angelegenheiten wendet; sie kennt alle Bewohner der Gegend; sie dehnt, so zu sagen, den Umkreis ihrer Familie über sie alle aus, und spart keine Mühe, um von ihnen alle Leiden und Schmerzen fern zu halten, denen das menschliche Leben unterworfen ist.
    Milord, ich will mir Ihre Lehren gern zu Nutze machen;

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