Nachtsafari (German Edition)
sagte sie leise und ging. Dabei fragte sie sich, wer Jonas eigentlich war. Der gutmütige Zulu, den sie seit ihrer Kindheit kannte, ganz bestimmt, und auch der intelligente, effiziente Organisator und charmante Empfangschef. Aber der Jonas Dlamini, der immer alles von jedem wusste, der alles erfuhr, lange bevor es andere hörten, der verursachte ihr dieser Tage gelegentlich ein nervöses Kribbeln im Magen.
Auf dem Weg zu ihrem Haus blieb sie einen Augenblick unter dem betörend süß duftenden Frangipanibaum stehen, den ihre Urururgroßmutter Catherine gepflanzt hatte, und schaute durch die Zweige zurück zur Rezeption. Jonas telefonierte, gestikulierte mit einer Hand, seine rosa Handfläche leuchtete auf. Ein starker Kontrast zu seiner dunklen Haut.
Als Kind hatte Jill angenommen, dass die Hautfarbe ihrer Freunde von zu viel Sonneneinstrahlung herrührte, und hatte nicht weiter darüber nachgedacht. Erst als sie älter wurde, in die Schule kam und alle ihre Klassenkameraden weiß waren, niemand von der Sonne braun wurde, begriff sie die Wahrheit. Begriff den vollen Horror der Apartheid. Trotzdem hatte sie sich immer als weiße Zulu empfunden, geglaubt, dass diese Barriere für sie nicht galt, glaubte, zu ihnen zu gehören.
Als das alte Regime zusammenbrach, hatte sie sich auf die neue Zeit gefreut. Perverserweise jedoch war die Linie, die Schwarz und Weiß trennte, schärfer geworden, der Graben tiefer. Immer öfter stieß sie bei ihren Zulus, wie sie ihre Angestellten nannte, gegen eine unsichtbare Mauer, die früher nicht da gewesen war. Gespräche verstummten, wenn sie sich näherte, Blicke wurden getauscht und sich mit jenem Lächeln abgewandt, das hieß: Sie ist weiß, sie ist nicht eine von uns. Fragte sie, was los sei, waren die Antworten oft ausweichend und vage. Schmerzhaft war ihr inzwischen klar geworden, dass sie von Jonas und ihren anderen Freunden dunkler Hautfarbe nur das sehen konnte, was die ihr erlaubten. Dieser letzte geheime Ort ihrer Seelen hatte sich ihr verschlossen.
An manchen Tagen war sie überzeugt, sich das alles nur eingebildet zu haben, aber dann hörte sie ein Wort, sah eine Geste, und da war die Mauer wieder. Massiv, dunkel und unüberwindbar hoch.
Ihr Blick wanderte abermals zu ihrem alten Freund. Lächelnd scherzte er mit einer Touristin aus Europa, die offen mit ihm flirtete, aber sein Lächeln schien ihr jetzt einen Hauch von Arroganz zu haben, gewürzt mit einer winzigen Prise Spott. Oder redete sie sich das nur ein? War sie einfach zu empfindlich geworden, paranoid wie die meisten Weißen in Südafrika?
Abwesend pflückte sie ein lederartiges Frangipaniblatt und bemerkte dabei, dass es von der Mittelrippe her vertrocknet war. Alarmiert sah sie hoch und entdeckte noch mehr tote Blätter. War der Baum krank? In der Familie hieß es immer, solange dieser Frangipani wuchs und gedieh, würden auch Inqaba und alle, die hier lebten, gedeihen. Catherine Steinach hatte den Frangipani einst vor über einhundertfünfzig Jahren gepflanzt. Ende des neunzehnten Jahrhunderts wurde der ursprüngliche Baum im Zulu krieg zerstört, aber Catherine hatte rechtzeitig mehrere Ableger ge nommen. Einige davon waren eingegangen, aber dieses Exemplar hatte überlebt und stand seit der Zeit an diesem Ort. Ging dieser herrliche Baum jetzt etwa auch ein? Eine plötzliche Vorahnung rieselte ihr über den Rücken, und sie schüttelte sich. Ihre Einbildung lief offenbar auf Hochtouren.
Sie drehte das Blatt hin und her, konnte aber nicht erkennen, ob die Ursache für die Braunfärbung ein saugendes Insekt oder einfach nur Trockenheit war. Vor ein paar Jahren hatte ein Gast den Baum mit einer Flasche Portwein gewässert, woraufhin der Frangipani praktisch alle Blätter abwarf und ihr Gärtner die Erde austauschen musste. Sie bückte sich, zerrieb etwas Erde zwischen den Fingern und schnupperte daran. Trockene, sandige Erde, nichts weiter. Also würde sie den Baum mit systemischem Insektengift behandeln. Sie ließ das Blatt fallen, schob Jonas gedanklich beiseite und lief zum Haus.
Dort fand sie Nils und Dirk über den Computer gebeugt. Als Nils sie bemerkte, winkte er sie aufgeregt heran. »Sieh dir nur an, was wir auf Google gefunden haben.«
Jill lehnte sich mit fragendem Blick vor und las die Worte, auf die Nils seinen Zeigefinger gelegt hatte, laut vor. »Henri Bonamour.«
Ihr Kopf schnellte hoch, und sie starrte Nils mit geweiteten Augen an. »Mein Gott! The Hanging Judge – Hangman Bonamour!«,
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