Parallelgeschichten
hatte Platz in ihr, auch der Wahn, ebenso die schamlose Berechnung. Eigentlich wussten wir beide, was wir voneinander wollten, und wir wussten auch, dass wir nicht aufzuhalten waren.
Ich hatte etwas anderes erwartet.
Nämlich, dass sie schön war. Dass es an ihr nichts Unschönes oder Unharmonisches oder Unästhetisches gab. Warum das doch nicht so war, ließ sich nicht erklären. Was dann geschah, ließ sich auch nicht erklären.
Auf ihrem Haar und ihren Schultern saß glänzender Sprühregen.
Hier, an der Ecke Nagymező- und Király-Straße, fuhr der Wind durch alles hindurch, ziehend, schneidend. Das Laternenlicht über der Fahrbahn hüpfte, die nassen Äste der kahlen Bäume zitterten nervös.
Ich fragte, ob sie gewusst habe, dass ich es war, der ihr folgte.
Sie sagte, ja, und zuckte ein wenig mit den Schultern, als hielte sie das für nicht der Rede wert.
Auch an ihren Wimpern saßen Tropfen, und viel interessanter als das, was die Wörter bedeuteten,war die Tatsache, dass wir überhaupt miteinander sprachen. Ganz neu und ganz unglaublich, dass aus ihrem Mund Wörter kamen und ich darauf eine Antwort hatte. Wir sprachen laut, um den Wind zu übertönen. Aber es war unangenehm, dass ich ihr so nahe gekommen war. Wie ein gewaltsames Aufdrängen, das ihr kein Zurück ließ, im nächsten Augenblick würde sie sich aus der zu großen Nähe zurückziehen müssen. Es war falsch proportioniert. Als wolle sie doch etwas anderes als ich.
Trotzdem habe sie getan, als bemerke sie es nicht.
Weil sie sich habe beeilen müssen. Ihr ganzes langweiliges Leben sei nichts als ein Gehetze, ach Gott, es ist wirklich öd. Auch jetzt müsse sie gleich weiter.
Aber wie habe sie gewusst, dass ich es sei, nicht sonst irgendjemand, da sie sich doch nie umgeblickt habe.
Sie habe gewusst, dass ich sie ohne lange Reden verstehen würde, antwortete sie, und ich sah dem Lächeln dieser wahnsinnigen Frau an, dass sie wirklich alles im Voraus wusste. Ich solle ihr nicht böse sein, aber sie habe am Vormittag wirklich nicht sprechen können. Auch jetzt würden wir keine Zeit für ein richtiges Gespräch haben.
Aber ich verstehe es immer noch nicht, sagte ich. Ich hätte doch gar nicht gewusst, ob ich jetzt kommen solle, sie habe mir ja am Vormittag meine Frage gar nicht richtig beantwortet.
Sie zuckte wieder mit den Schultern.
Aber ich hätte doch ihren Ring sehen können, sagte sie, ich bin eine verheiratete Frau. Sie habe deutlich gesehen, dass ich mehrmals auf ihren Ring geschaut habe. Es dürfte doch völlig klar sein, dass sie sich als verheiratet zu erkennen gegeben habe und keinen Blödsinn mache.
Ich habe auf den Ring geschaut, weil ich die Situation nicht verstand.
Alles andere müsse ich entscheiden.
Und ich hatte gedacht, ich bilde mir Dinge nur ein, stöhnte ich. Dass ich mir Dinge vormache, stöhnte ich. Ich hatte geschaut, ob sie verlobt sei, oder ich weiß gar nicht, was ich gedacht hatte, ob sie seit kurzem verheiratet sei, und ob sie den Ring an der rechten oder linken Hand trage.
Sie habe doch vor ihrer Vorgesetzten kein Rendezvous mit mir abmachen können. Sie seien sich spinnefeind. Damit habe sie schon Probleme genug. Sie könne das nicht noch mit irgendeinem Blödsinn verschlimmern.
Ich sagte, das sehe man.
Sie fragte misstrauisch, woran denn.
Daran, wie sie umeinander herumschleichen, und beide seien nur dann ein wenig ruhiger, wenn der Mann der Chefin vorbeikommt oder der dicke kleine Junge, ihr Sohn. Dann seien sie auch zueinander freundlicher, aufmerksamer.
Wir suchten gegenseitig unsere Blicke, trotzdem achtete ich eher auf ihren Mund. Ich sah, dass auch sie plötzlich mit ihren Händen nichts anzufangen wusste. So wenig wie ich, ich stand so steif vor ihr, dass mir die Beine zu zittern begannen.
Das Zittern hörte nicht auf, sachte und ununterbrochen.
Sie sei zu allen aufmerksam, sie wolle ja niemanden beleidigen.
Mich auch nicht, fragte ich mit einer guten Portion Koketterie.
Dich auch nicht.
Mit diesen drei gewagten Wörtern wurde alles wieder anders. Bis dahin hatten wir uns höflich gesiezt, jetzt aber veränderte sie die Regeln, und in dieser neuen Situation konnten wir uns bloß noch anstarren. Als blickten wir den drei Wörtern nach, und da legte sich auch unsere Hast. Es war nicht klar, ob sie es absichtlich getan hatte, oder ob es ihr einfach herausgerutscht war, weil sie mich in Gedanken duzte. Aber ich glaube eher, dass sie es absichtlich getan hatte. Sie wollte mich auf die Probe
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