Pfad der Schatten reiter4
Finger.
Amberhill hatte Hundeohr kennengelernt, deshalb verstand er, was Yap meinte.
»Was war in dem Grab – abgesehen von dem Offensichtlichen natürlich?«
»Es war nicht einfach nur irgendein Grab, Herr. Es war eine Höhle, eine riesengroße, und da drin war ein ganzes Schiff, ein richtiges. Der Eingang war groß genug für einen Mann, aber nicht groß genug, ein ganzes Schiff reinzuschieben. Drum denke ich, die müssen das Schiff auseinandergenommen, die Teile einzeln reingetragen und dann wieder zusammengebaut haben. Ein schwarzes Schiff mit einem Drachen als Galionsfigur. So haben sie den König begraben – in seinem Schiff, mit seinem ganzen Schatz. Oh ja, das war vielleicht ein Anblick.« Yap hielt inne, und seine Augen wurden starr, als er sich an diese längst vergangene Szene erinnerte.
»Der alte König, der lag auf einer Bahre auf dem Deck, aber es war ja nichts mehr übrig, nur noch Knochen, mit Pelzen und Teppichen zugedeckt. Und Juwelen. Und überall um ihn rum standen Kisten voller Münzen und noch mehr Juwelen. Waffen auch und anderes Zeug, das uns nicht interessierte – Kessel voll Essen und Getränke, aber längst weg oder verdorben. Wir luden den Schatz ganz schnell in den Frachtraum der Seejungfrau. «
»Euer Schiff, nehme ich an.«
»Jawohl, und sie war mit unserem Schatz vollgestopft, als alles fertig war.«
»Und der Ring?«
»Den hat Käptn Bonnet dem König vom Knochenfinger gezogen. Hab ich selbst gesehen.«
Amberhill hielt es für kein gutes Omen, dass der Ring anscheinend nur Toten vom Finger genommen werden konnte. Er unterdrückte ein Schaudern und betrachtete seinen Ring von Neuem, dessen Rubin selbst das schwächste Licht der Morgendämmerung einfing, die allmählich in die Bibliothek drang.
»Wir wären vielleicht glatt weggekommen«, sagte Yap, »wenn der Ring nicht gewesen wäre.«
»Wieso das?«
»Diese Inseln, die waren ein Hexenreich, denke ich. So wird’s auf jeden Fall erzählt. Und die Hexe, auf deren Insel wir waren? Die war gar nicht glücklich, dass wir ihren Schatz gestohlen hatten, und irgendwie wusste sie genau, wann der Käptn dem König den Ring abgenommen hat. Die Luft, die hat sich verändert. Die wurde dick. Der Wind heulte mit ihrer Stimme, traurig und wütend. Wir sind fast umgefallen vor Schreck. Wir rannten zur Seejungfrau zurück, so schnell wir konnten, und lichteten den Anker. Sie versuchte, uns mit hohen Wellen zum Kentern zu bringen, aber Käptn Bonnet, der
war zwar ein blutiger Mörder und Dieb, aber er war ein guter Seemann. Als der Sturm sich legte, lachten wir über unser Glück und jubelten dem Kapitän zu.
Und dann …« Yap schloss die Augen und schauderte.
»Erzähl weiter«, ermutigte ihn Amberhill mit ruhiger Stimme.
»Ihr werdet mir nicht glauben.«
»Ich könnte mich sogar weigern, vieles zu glauben, was du mir bisher erzählt hast .«
»Es ist aber wahr. Jedes Wort.«
»Ich zweifele deine Worte nicht an. Ich sage lediglich, dass deine Geschichte etwas unglaubwürdig klingt.« Amberhill hatte in jüngster Zeit so viel Seltsames gesehen, dass er Yaps Erzählung nicht einfach abtun konnte.
»Habt Ihr was zu trinken, Herr?«
Amberhill war ziemlich sicher, dass er ohne Alkohol nichts mehr aus Yap herauskriegen würde, also goss er ihm Branntwein ein. Wahrscheinlich hatte Yap so etwas Edles noch nie gekostet, es sei denn, er und seine Mannschaft hatten irgendwann einmal ein Schiff voll Qualitätsspirituosen gekapert und diese untereinander aufgeteilt.
»Ihr trinkt nichts, Herr?«
»Es ist noch ein bisschen zu früh für mich.«
Yap zuckte die Achseln und schüttete sich den Branntwein in den Schlund, als sei es irgendein drittklassiger Whisky. Amberhill runzelte die Stirn, aber er sagte nichts, denn der Trank gab Yap offenbar den Mut weiterzuerzählen.
»Wir haben ihre Stimme gehört, die klang wie ein Trauerlied für den alten König. Dann sang sie den Fluch.«
»Wer? Und worin bestand der Fluch?«
»Na, die Hexe, Herr. Habt Ihr nicht zugehört? Der Fluch, tja, das war ein Haufen Kauderwelsch, aber manches konnten wir verstehen. Irgendwas von … im Nebel ge fangen sein …
außerhalb der Zeit … kein Land in Sicht … bis die Flasche kaputtgemacht wird … «
»Eine Flasche?«
»Genau. Die muss wohl kaputt sein, denn ich bin ja hier. Wie das Schiff aber in einem Haus gelandet ist, da hab ich keine Ahnung.«
Endlich begriff Amberhill. Kapitän Bonnet hatte etwas darüber gesagt, »in einer Flasche
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