Sean King 02 - Mit jedem Schlag der Stunde: Roman
linderte die zunehmende Hitze.
»Ein schöner Tag zum Kämpfen«, behauptete Bailey.
Ist es jemals ein schöner Tag , dachte Michelle, wenn man sich gegenseitig niedermetzelt?
Der FBI-Fleischklops schlürfte Kaffee und mampfte ein Eier-Sandwich von McDonald’s. Michelle knabberte an einem sportiven Müsliriegel und hatte sich dazu eine Flasche O-Saft besorgt. Sie trug Jeans, Wanderstiefel und ihre Secret-Service-Windjacke. Bailey hatte Flattershorts, einen Pullover und eine Weichplastik-Sonnenbrille angezogen.
»Haben Sie schon mal so eine Veranstaltung besucht?«, fragte Bailey.
»Nein.«
»Das ist jedes Mal ’ne mächtig beeindruckende Sache. Da findet alles Mögliche statt, Infanterie-Exerzieren, Feldlazarett-Besichtigungen, Volkstänze – sogar Bälle, Teestündchen und abendliche Führungen bei Kerzenschein, Blaskapellen inbegriffen. Am aufsehenerregendsten sind die Kavallerie-Attacken. Hunderte von Jungs knien sich da voll rein. Im richtigen Krieg hatten die Heere natürlich Zehntausende von Soldaten. Aber es ist immer ein tolles Schauspiel.«
»Wie ist Eddie denn auf so was verfallen? Für mich hört es sich nicht so an, als könnte so etwas für einen empfindsamen Künstler verlockend sein.«
»Ich glaube, ursprünglich hatte sein Vater eine Schwäche dafür. Er hatte einen ausgeprägten Hang zum Historischen. Für die ersten Reenactments hat er sogar finanzielle Beiträge geleistet.«
»Stand Eddie seinem Vater nahe?«
»Meines Erachtens hätte er es gern so gesehen. Das ist einer der Gründe, weshalb er sich im Reenactment engagiert hat. Aber Bobby Battle war ein undurchschaubarer Mann. Und er war selten zu Hause. Wahrscheinlich ist er lieber im Heißluftballon um die Welt geflogen oder hat in Asien eine Fabrik gebaut, statt sich um seine Kinder zu kümmern.«
»Soviel ich weiß, hat er Ihnen eine Anstellung angeboten, nachdem Sie Eddie gerettet hatten.«
Bailey schien überrascht, dass Michelle Bescheid darüber wusste.
»Ja, aber ich hatte kein Interesse.«
»Darf ich fragen, warum nicht?«
»Ist kein großes Geheimnis. Ich bin gern FBI-Agent. Damals war ich noch nicht lange dabei, und ich wollte dort meine Laufbahn fortsetzen.«
»Wie haben Sie den Fall gelöst?«
»Ich bin durch einen Tipp auf den Täter aufmerksam geworden. Damals ging Eddie noch aufs College, darum hab ich mich dort ein bisschen umgehört. Dabei kam mir zu Ohren, ein Typ in demselben Wohnblock war ein ehemaliger Schwerverbrecher.«
»Warum wohnte Eddie nicht zu Hause? Ging er nicht an die UVA?«
»Nein, er besuchte die Virginia Tech drüben in Blacksburg, ein paar Fahrtstunden von hier entfernt. Auf jeden Fall hatte dieser Bursche herausgefunden, wer Eddie war, oder vielmehr, welche Eltern Eddie hatte. Eines Abends kam Eddie spät heim – und als Nächstes liegt er gefesselt in einer Hütte irgendwo in der Pampa.«
»Wie haben Sie von der Hütte erfahren?«
»Der Entführer hatte sie bis dahin zum Angeln benutzt. Ich behaupte nicht, dass er der größte Schlaukopf der Nation war, doch er galt als gefährlich. Die Battles zahlten das Lösegeld, aber wir lauerten in Sichtweite, als die Übergabe erfolgte.«
»Ich dachte immer, die Battles hätten nicht gezahlt.«
»Doch. Aber sie haben das Geld zurückerhalten, zumindest einen großen Teil davon.«
»Das kapier ich nicht.«
»Bei einer Entführung ist es das Hauptanliegen des Verbrechers, Lösegeld zu erpressen. Heutzutage können auch solche Zahlungen per telefonischer oder Computer-Überweisung getätigt werden, obwohl es auch dann für den Erpresser riskant bleibt. Aber vor zwanzig Jahren war alles noch schwieriger. Dieser Täter bildete sich ein, ihm wäre der beste Trick eingefallen. Die Übergabe sollte an einem Samstag in einem Einkaufszentrum erfolgen, wenn es von Leuten nur so wimmelt. Er musste sich die Örtlichkeit ganz genau angesehen haben, denn er kannte einen fluchttauglichen Hinterausgang. Kaum hatte er die Tasche in Händen, verschwand er im Gewirr.«
»Wie haben Sie ihn ausfindig machen können?«
»Wir hatten seine Beute mit Peilsendern gespickt. So gelang es uns, ihn zu dem Schuppen zu verfolgen.«
»War es kein Risiko, ihn nicht sofort festzunehmen?«
»Wir sahen das größere Risiko darin, Eddie nicht zu finden. Aus der kriminellen Vergangenheit des Erpressers wussten wir, dass er Einzelgänger war. Falls Eddie noch lebte, kehrte er vermutlich zu ihm zurück, um ihn freizulassen oder umzubringen, was wir für wahrscheinlich
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