Shogun
war; auch Toranagas wachsende Ungeduld entging ihm nicht. Nimm dich in acht, sagte er sich. Sie ist katholisch. Bring sie auf bestimmte Dinge. Und befleißige dich großer Einfachheit. »Vielleicht wünscht Herr Toranaga nicht, sich über die Religion zu unterhalten, Senhorita; denn zum Teil haben wir das bereits bei unserer ersten Unterhaltung getan.«
»Ihr seid ein protestantischer Christ – und die katholischen Christen sind Eure Feinde?«
»Die meisten Katholiken würden mich als einen Ketzer und als ihren Feind betrachten, ja.«
Sie zögerte, wandte sich an Toranaga und redete mit ihm.
Rings um den Garten waren viele Wachen aufgestellt – alle weit weg, und alles Braune. Dann bemerkte Blackthorne zehn Graue, die als gesonderte Gruppe im Schatten saßen – und die Augen nicht von dem Knaben ließen. Was hat das zu bedeuten? fragte er sich.
Toranaga hakte ein paarmal bei Mariko nach, und dann wandte er sich direkt an Blackthorne.
»Mein Gebieter möchte gern mehr über Euch und Eure Familie erfahren«, begann Mariko. »Über Euer Land, seine Königin und frühere Herrscher, seine Sitten und Gebräuche und seine Geschichte. Desgleichen über alle anderen Länder, insbesondere über Portugal und Spanien. Über Eure Schiffe, über Waffen, Nahrung und Handel. Über Eure Kriege und Schlachten, und wie man ein Schiff navigiert, wie Ihr Euer Schiff hierher geführt habt, und was auf Eurer Reise passiert ist. Er möchte gern verstehen – verzeiht, warum lacht Ihr?«
»Nur deshalb, Senhorita, weil das bedeutet, so ziemlich über alles zu reden, was ich weiß.«
»Das ist genau das, was mein Herr zu erfahren wünscht.« Ihr Fächer flatterte ein wenig. »Jawohl, mein Gebieter wünscht, die Wahrheit über alles zu erfahren, die Tatsachen, und wie Eure persönliche Meinung dazu ist.«
»Ich werde mit Freuden erzählen, aber es könnte länger dauern.«
»Mein Herr hat Zeit, sagt er.«
Blackthorne blickte Toranaga an. »Wakarimasu.«
»Ihr werdet bitte verzeihen, Senhor, aber mein Gebieter sagt, Eure Aussprache sei nicht ganz richtig.« Mariko sprach ihm vor, wie man es richtig sagte, er wiederholte es und dankte ihr. »Ich bin übrigens Senhora Mariko Buntaro – keine Senhorita.«
»Verzeihung, Senhora.« Blackthorne warf einen Blick auf Toranaga. »Wo, möchte er, daß ich beginne?«
Sie fragte ihn. Ein flüchtiges Lächeln breitete sich über Toranagas kräftige Züge. »Er sagt, ganz zu Beginn.«
Blackthorne wußte, daß er abermals auf die Probe gestellt wurde. Womit beginnen, wo es doch unendlich viele Möglichkeiten gab? An wen sollte er das Wort richten? An Toranaga, den Knaben oder an die Frau? Warum waren die Frauen und der Knabe zugegen? Das mußte irgendeine Bedeutung haben.
Er beschloß, sich auf den Knaben und die Frauen zu konzentrieren. »In alter Zeit wurde mein Land von einem großen König beherrscht, der ein Zauberschwert besaß. Das hieß Excalibur. Seine Gemahlin, die Königin, war die schönste Frau im ganzen Land. Sein oberster Ratgeber war ein Zauberer, Merlin genannt. Der König jedoch hieß Arthur«, begann er zuversichtlich und berichtete die Legende, die sein Vater ihm in seiner Kindheit erzählt. »König Arthurs Hauptstadt hieß Camelot, und es war eine glückliche Zeit: keine Kriege, gute Ernten und …« Plötzlich ging ihm auf, welch ungeheuerlichen Fehler er zu begehen im Begriff war. Schließlich ging es bei dieser Geschichte im Grunde um Guinevere und Lancelot, eine ehebrecherische Königin und einen ungetreuen Vasallen, um Mordred, Arthurs illegitimen Sohn, der sich verräterisch im Krieg gegen seinen Vater wendet, und um einen Vater, der seinen Sohn im Kampf erschlägt, dabei jedoch seinerseits tödlich von diesem verwundet wird. Ach, Herr Jesus, wie konnte ich nur so dumm sein! Ist Toranaga nicht wie ein großer König? Sind nicht dies hier seine Damen? Und ist der Knabe da nicht sein Sohn?
»Ist Euch nicht wohl, Senhor?«
»Nein … nein … tut mir leid, es war nur …«
»Ihr spracht gerade von diesem König, Senhor, und von der guten Ernte.«
»Ja. Es ist … wie bei den meisten Ländern gibt es über unsere Vergangenheit Mythen und Legenden, von denen viele ziemlich unwichtig sind«, sagte er und versuchte, Zeit zu gewinnen.
Verwundert starrten sie ihn an. Toranagas Blick wurde noch durchdringender, und der Knabe gähnte.
»Was wolltet Ihr sagen, Senhor?«
»Ich … nun ja …« Plötzlich hatte er einen Einfall. »Vielleicht wäre es gut,
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