Vergebung
habe mit allem Möglichen zu tun. Sicherheitsanalysen, Leibwache, Observation und all so was. Aber es geht oft um Menschen, die bedroht werden, und ich fühle mich bei Milton wesentlich wohler als bei der Polizei.«
»Verstehe.«
»Es gibt natürlich einen Nachteil.«
»Und zwar?«
»Wir helfen nur Kunden, die uns auch bezahlen können.«
Als Erika Berger im Bett lag, dachte sie über Susanne Linders Worte nach. Nicht jeder konnte sich Sicherheit leisten. Sie selbst hatte, ohne mit der Wimper zu zucken, alles akzeptiert, was David Rosin vorgeschlagen hatte. Die Summe für alle Maßnahmen würde sich auf 50 000 Kronen belaufen. Sie konnte es sich leisten.
Sie dachte eine Weile darüber nach, warum sie das Gefühl hatte, dass die Person, die sie bedrohte, etwas mit der SMP zu tun hatte. Die fragliche Person hatte gewusst, dass sie sich am Fuß verletzt hatte. Sie dachte an Anders Holm. Sie mochte ihn nicht, was ihr Misstrauen gegen ihn natürlich verstärkte, aber die Neuigkeit, dass sie verletzt war, hatte sich schnell verbreitet, sobald sie mit Krücken in der Redaktion aufgetaucht war.
Und sie musste sich mit dem Problem mit Borgsjö auseinandersetzen.
Auf einmal setzte sie sich im Bett auf, runzelte die Stirn und sah sich im Schlafzimmer um. Sie fragte sich, wo sie Henry Cortez’ Mappe über Borgsjö und Vitavara AB hingelegt hatte.
Sie stand auf, zog ihren Morgenmantel über und stützte sich auf eine Krücke. Dann öffnete sie die Schlafzimmertür, ging in ihr Arbeitszimmer und schaltete das Licht ein. Nein, hier war sie nicht mehr gewesen, seit sie … die Mappe hatte sie am gestrigen Abend in der Badewanne gelesen. Sie hatte sie aufs Fensterbrett gelegt.
Erika ging ins Badezimmer. Die Mappe lag nicht am Fenster.
Eine geraume Zeit blieb sie so stehen und dachte angestrengt nach.
Ich bin aus der Wanne gestiegen und runtergegangen, um Kaffee zu machen. Dann bin ich in die Glasscherbe getreten und war mit anderen Problemen beschäftigt.
Sie konnte sich nicht erinnern, den Ordner am Morgen gesehen zu haben. Aber sie hatte die Mappe auch nirgendwo anders hingelegt.
Plötzlich wurde ihr eiskalt. In den nächsten fünf Minuten durchsuchte sie systematisch das Badezimmer, drehte jeden Papierhaufen und jeden Zeitungsstapel in der Küche und im Wohnzimmer um. Schließlich kam sie nicht mehr umhin, sich einzugestehen, dass die Mappe verschwunden war.
Irgendwann, nachdem sie in die Scherbe getreten und bevor David Rosin am Morgen aufgetaucht war, hatte sich jemand ins Bad geschlichen und Millenniums Material über Vitavara AB entwendet.
Dann fiel ihr ein, dass sie noch mehr geheime Unterlagen im Haus hatte. Rasch hinkte sie zurück ins Schlafzimmer und zog die unterste Kommodenschublade auf. Ihr sank das Herz in die Hose. Alle Menschen haben Geheimnisse. Sie verwahrte ihre in der Schlafzimmerkommode. Erika Berger führte ein unregelmäßiges Tagebuch. Und da waren auch noch die Liebesbriefe aus ihrer Jugend, die sie aufgehoben hatte.
Sowie das Kuvert mit den Bildern, die beim Fotografieren ziemlichen Spaß gemacht hatten, die für eine Veröffentlichung aber denkbar ungeeignet waren. Im Alter von 25 Jahren war Erika im Club Xtreme gewesen, der private Partys für Leute veranstaltete, die eine Vorliebe für Leder und Lack hatten. In nüchternem Zustand hätte sie diese Fotos sicher nie machen lassen.
Und am katastrophalsten - da war dieses Video, das ihr Mann und sie in einem Urlaub Anfang der 90er-Jahre gemacht hatten, als sie beim Glaskünstler Torkel Bollinger in seinem Ferienhaus an der Costa del Sol zu Gast gewesen waren. In diesem Urlaub hatte Erika Berger entdeckt, dass ihr Mann eindeutig bisexuell veranlagt war, und sie waren beide mit Torkel im Bett gelandet. Es war ein großartiger Urlaub gewesen. Damals waren Videokameras noch ziemlich neu, und der Film, den sie spaßeshalber gemacht hatten, war nicht von der jugendfreien Sorte.
Die Kommodenschublade war leer.
Verdammt noch mal, wie konnte ich nur so bescheuert sein?
Auf den Boden der Schublade hatte jemand die wohlbekannten fünf Buchstaben gesprüht.
19. Kapitel
Freitag, 3. Juni - Samstag, 4. Juni
Lisbeth Salander schloss ihre Autobiografie am Freitagmorgen gegen vier ab und schickte eine Kopie an Mikael Blomkvist in der Yahoo-Group [Verrückte_Tafelrunde]. Danach lag sie regungslos im Bett und starrte an die Decke.
Sie stellte fest, dass sie in der Walpurgisnacht 27 Jahre alt geworden war, aber nicht ein einziges Mal daran gedacht
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