Was Die Liebe Naehrt
Hilfsbedürftigkeit.
Begehren und Sehnsucht
Ein wesentlicher Aspekt der Sexualität ist das Begehren. Es gibt die Gier, die im Buddhismus wie im Christentum negativ besetzt
ist. Wenn ich gierig nach einer Person bin, dann benutze ich sie für mich und meine Bedürfnisse. Begehren meint aber etwas anderes als Erregung und Gier:
Diese Person spricht mich an, sie zieht mich an. Ich begehre sie. Ich möchte sie leidenschaftlich lieben. Ich sehne mich nach ihr. Wenn die Frau spürt,
dass der Mann sie für attraktiv und begehrenswert hält, fühlt sie sich auch wertgeschätzt. Sie spürt die Macht, die sie über ihn hat, als innere Kraft:
Sie löst in ihm ein Begehren aus, das seine Liebe vertieft und leidenschaftlich und erotisch werden lässt. Und das gilt umgekehrt auch für den Mann.
Emmanuel Levinas hat das Begehren als einen Akt des Freiwerdens von sich selbst verstanden: »Im Begehren richtet sich das Ich auf den anderen; so
gefährdet es die selbstherrliche Identifikation des Ich mit sich selbst.« Das Begehren führt den Mann von sich selbst weg auf die Frau hin. Aber zugleich
weiß der Mann, dass sein Begehren nie ganz erfüllt wird. Nach jedem sexuellen Akt entsteht in ihm ein neues Begehren und neues Sehnen nach der Frau und
nach dem Einswerden mit ihr. Levinas meint: »Das Begehrenswerte sättigt nicht das Begehren, sondern vertieft es, es nährt mich in gewisser Weise mit neuem
Hunger.« Ich kann es auch so ausdrücken: Jedes Begehren weckt in mir die Sehnsucht nach einer absoluten Liebe, nach noch tieferer Liebe, nach der
Erfahrung von Schönheit, Ekstase und Einswerden.
Die jüdische Tradition unterscheidet aber zwischen einem Begehren, das das Geheimnis des anderen wahrt und das sich an den anderen
hingibt, und einem Begehren, in dem ich nur um mich und meine Erregung kreise. Der berühmte Rabbi Nachmanides aus dem 13. Jahrhundert schreibt dazu: »Wenn
ein Mann seiner Frau in Heiligkeit anhängt, manifestiert sich die göttliche Gegenwart. Im Mysterium von Mann und Frau ist Gott. Wenn sie aber nur erregt
sind, verlässt sie die göttliche Gegenwart, und es entsteht ein Feuer.« Dieses »in Heiligkeit der Frau anhängen« schließt die Sexualität mit ein. Aber es
ist ein Anhängen, das das Heilige in der Frau beachtet. Heilig ist das, was meinem Zugriff entzogen ist. Es ist der innerste Kern, den ich nur verehren
und ehren, aber nicht besitzen kann. Wenn ich mich in dieser Weise an die Frau hingebe, wird in solcher Liebe Gottes Gegenwart erfahrbar. Wenn ich aber
nur um mich und meine Erregung kreise, dann entsteht ein Feuer, das kurz brennt, nach dessen Verlöschen ich mich selbst aber als ausgebrannt erlebe.
Das Begehren wird nie ganz erfüllt. Es weckt immer wieder unsere Sehnsucht nach einer noch größeren Liebe. Diese Sehnsucht hält unsere Liebe
lebendig. Und sie befähigt uns auch, den anderen zu lieben, wenn er oder sie meinen Erwartungen oder Ansprüchen nicht genügt. Der Partner oder die
Partnerin kann nie ganz meine Sehnsucht erfüllen. So ist die Sehnsucht einerseits die Kraft, die mich immer wieder antreibt, mich meiner Frau hinzugeben
und die Liebe neu zu erleben. Andererseits will mich die Sehnsucht über die Liebe zu dieser Person hinaustragen – in die unendliche göttliche Liebe
hinein. Die Sehnsucht kanndurch die Frau oder den Mann nie ganz gestillt werden. In ihr ist immer schon der Verweis auf Gottes Liebe,
in der meine Liebe zur Frau zur Vollendung kommt. Das bedeutet aber nicht, dass ich mit meiner Sehnsucht die konkrete Liebe zum Partner überspringe. Die
Erfahrung der erotischen und sexuellen Liebe stachelt immer wieder meine Sehnsucht nach der unbegrenzten göttlichen Liebe an. Und die Sehnsucht nach der
göttlichen Liebe lässt mich zufrieden sein mit der konkreten Liebe, wie sie zwischen uns erfahrbar ist. Wir sind dankbar für das, was wir einander
schenken. Und wir verweisen uns gegenseitig in jedem Liebesakt und in der alltäglichen Liebe auf die Liebe, die größer ist als wir selbst.
Keuschheit und Zölibat, Reinheit und Transformation
In der christlichen Tradition wurde Keuschheit oft mit Enthaltsamkeit gleichgesetzt. Und Keuschheit wurde dann vor allem von
zölibatären Menschen verlangt. Doch das ist zu einseitig gesehen. Das deutsche Wort »keusch« ist dem lateinischen Wort conscius entlehnt,
das ursprünglich bedeutet: bewusst, mitwissend, eingeweiht. Im Mittelalter bekam dieses Wort die Bedeutung: »der
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