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Wo der Elch begraben liegt

Wo der Elch begraben liegt

Titel: Wo der Elch begraben liegt Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Carin Hjulstroem
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Die große Familie kam auf die Beine und bewegte sich zur Tür. Frida packte ihre Sachen zusammen, nahm ihre Tasche herunter und zog sich den Mantel an. Als sie auf den Bahnsteig hinunterkletterte, war die Familie schon auf dem Weg zum Ausgang, doch Aliana riss sich los, rannte zu Frida und umarmte sie kurz und heftig.
    » Jetzt sind wir Freundinnen«, sagte sie und blickte zu Frida auf. » Versprichst du dranzugehen, wenn ich anrufe?«
    » Ich verspreche es«, erwiderte Frida. » Pass auf dich auf.«
    Frida eilte über die Gleise auf den anderen Bahnsteig, wo der Zug nach Nässjö wartete. Sie sah, dass Aliana vom großen Bruder und dem älteren Mann einen strengen Tadel erhielt. Die Mutter, die davon geträumt hatte, Bäuerin zu werden, schwankte schwerfällig weiter.
    Die Zugfahrt von Falköping nach Nässjö dauerte eine Stunde und zwanzig Minuten. Dann hieß es wieder: umsteigen. Der nächste Zug sollte erst in vierzig Minuten abfahren. Frida zog ihren Rollkoffer durch den Schneematsch zur Imbissbude draußen vor dem Bahnhof. Dort kaufte sie sich eine Wurst mit Kartoffelbrei. Sie fror und zitterte beim Essen. Also lief sie zurück in die Wartehalle und zog ihr Handy hervor. Sie drückte auf den SMS-Knopf und las sich alte Nachrichten durch, die sie von Peter bekommen hatte. Die letzte lautete: » Ohne dich ist es in meinem Bett ziemlich leer. Feuchter Kuss. P.« Das war erst zwei Wochen her. Wo war das ganze Interesse abgeblieben? Konnte er es einfach so abstellen? Cilla hatte sie gewarnt, bloß keine SMS an ihn zu schreiben. Bis jetzt hatte sie es geschafft, doch nun wurde es schwerer, dem zu widerstehen. Noch immer musste sie zwanzig Minuten totschlagen, und es gab nichts anderes, was ihre Aufmerksamkeit erregte. Sie könnte doch eine SMS schreiben und sie niemals abschicken. Das würde doch wohl nicht schaden? Sie schrieb: » Sollte eigentlich nicht an dich denken, aber das geht, offen gestanden, ganz schlecht.« Sie las sich die SMS durch und dachte, dass das gar nicht stimmte. Eigentlich hatte sie seit längerer Zeit nicht an ihn gedacht. Das Ganze kam ihr unnötig weinerlich vor. Sie löschte den Text und fing von vorne an.
    Vielleicht war es besser, etwas Neutraleres zu schreiben, so als ob sie sich gar nicht groß den Kopf zerbrach. Wenn sie mit einer Frage abschloss, würde er sich doch wohl gezwungen fühlen zu antworten, oder? Sie schrieb: » Gratuliere zur Verfasserzeile. Wie kriegt man das hin?« Sehr schmeichelnd, doch gleichzeitig etwas anklagend. Das würde ihm sicher nicht gefallen. Die SMS war keine gute Idee. Sie klappte das Handy zu und legte es in ihre Tasche.
    Vielleicht hatte Peter recht, und in Eksjö und Bruseryd warteten tatsächlich eine Menge spannender Leute auf sie. Positiv zu denken ist der Schlüssel zum Glück, hatte sie irgendwo gelesen, und sie selbst dachte ja auch nicht wohlwollend über Leute, die immer bloß das Negative sahen, wie beispielsweise ihre Mutter und Torkel.
    Sie erinnerte sich plötzlich an eine Vorlesung bei einer Studentenpastorin. Die Pastorin hatte erzählt, dass sie von vielen Studenten aufgesucht wurde, denen es schwerfiel, an das Glück und die Zukunft zu glauben, doch was die Studenten am meisten beschäftigte, war das schlechte Gewissen, das sie verspürten, weil sie sich nicht wohlfühlten. Sie dachten, dass sie kein Recht hätten zu klagen. Sich schlecht zu fühlen war denen vorbehalten, die wirklich litten; Menschen in anderen Teilen der Welt, denen es vielleicht an Nahrung, Wasser, Unterkunft und Ausbildung fehlte. Die Pastorin hatte gesagt, ihre wichtigste Aufgabe sei es, den Studenten klarzumachen, dass es in Ordnung war, sich leer und ängstlich zu fühlen, auch wenn man eine gute Ausbildung genossen und Essen auf dem Tisch stehen hatte.
    Frida wurde von den Lautsprechern aus ihren Gedanken gerissen, und eine Stimme sagte: » Auf Gleis eins fährt der Zug nach Eksjö ein.« Jetzt beginnt und endet es, dachte sie. Das Leben.
    Schon nach einer Viertelstunde kreuzte die Bahntrasse die Landstraße 33, wo ein Lastzug hartnäckig einen anderen zu überholen versuchte. Das Ganze sah unglaublich schwerfällig und träge aus. Vom Zugfenster aus war eine Wohngegend mit pastellfarbenen Holzhäusern zu erkennen, die von einer Lärmschutzwand umzäunt waren. Wieso war hier eine Lärmschutzwand? War Ruhe nicht der entscheidende Punkt an Kleinstädten? Der Zug schien förmlich aufzuatmen, als er den Busterminal auf der linken Seite passierte, und kam dann vor

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