Yelena und die Magierin des Südens - Snyder, M: Yelena und die Magierin des Südens
beendet.
„Was ist mit Nix?“ fragte ich.
„Kein Problem. Um den kümmern wir uns schon.“ Ari zuckte lässig mit den Schultern. Er vertraute darauf, dass er mit ihm fertig werden würde. Ich beneidete Ari um sein Selbstbewusstsein und seine körperliche Stärke. Ich wäre gewiss nicht gegen Nix angekommen, und ich fragte mich, ob er mich noch aus einem anderen Grund hasste außer dem, dass ich Reyad getötet hatte.
„Bei Sonnenaufgang teste ich das Frühstück des Commanders“, wandte ich ein.
„Dann gleich danach.“
„Und was machen wir dann?“
„Die Soldaten laufen um das Gelände, um in Form zu bleiben“, erwiderte Janco.
„Schließ dich ihnen an“, sagte Ari. „Lauf mindestens fünf Runden mit. Wenn du kannst, noch mehr. Wir steigern das allmählich, bis du uns eingeholt hast.“
„Wie viele Runden lauft ihr denn?“
„Fünfzig.“
Ich schluckte. Auf dem Rückweg zur Burg überlegte ich, wie viel Zeit und Arbeit mich das Training kosten würde. Der Selbstverteidigung musste ich mich mit der gleichen Hingabewidmen wie der Akrobatik. Halbe Sachen kamen nicht in Frage. Eigentlich hatte sich die Idee, aus einer Laune heraus entstanden, gut angehört. In meiner Ahnungslosigkeit stellte ich es mir so einfach vor, Brazells Soldaten erfolgreich zu bekämpfen. Doch je länger ich darüber nachdachte, umso klarer wurde mir, dass man die Kunst der Selbstverteidigung nicht einfach so nebenbei ohne Mühen und Zeitaufwand erlernen konnte.
Wäre es nicht besser, überlegte ich, mich darauf zu konzentrieren, alles über Gifte und Zauberei zu lernen? Denn selbst das ausdauerndste und härteste Training konnte mich nicht vor Irys’ magischen Kräften schützen.
Plötzlich hatte ich das Gefühl, einen Wagen voller Steine hinter mir herzuziehen, und unwillkürlich ging ich langsamer. Warum musste alles so schwierig sein? Warum überlegte ich ständig hin und her, wog ein Argument gegen das andere auf und suchte dauernd nach Fallstricken und Hindernissen? Es war wie Trampolinspringen: unaufhörlich ging es auf und nieder, aber man kam keinen Schritt vorwärts. Ich sehnte mich nach dem Tag, an dem eine falsche Entscheidung endlich nicht länger lebensbedrohlich für mich wäre.
Auf dem Weg zum Arbeitszimmer des Commanders machte ich mir bewusst, dass ich neben der Zauberin noch viele andere Feinde hatte. Die Selbstverteidigung konnte mir also irgendwann einmal durchaus nützlich sein. Und Wissen, gleichgültig in welcher Form, war schließlich ebenso wirksam wie Waffen.
Ich wollte gerade die ersten Speisen testen, als ein Lehrer mit einem jungen Mädchen im Schlepptau ins Arbeitszimmer stürzte. Mit zwölf Jahren wurden die Kinder gemäß ihren Fähigkeiten ausgebildet und in die Obhut eines Tutors gegeben,der sie vier Jahre lang unterrichtete.
Auf die rote Uniform des Lehrers, sozusagen das Gegenstück zur schwarzen der Ratgeber, waren schwarze Diamanten gestickt. Das Mädchen trug den schlichten roten Kittel einer Schülerin. In ihren Augen schimmerten Tränen, und in ihrer Miene lagen Angst und Trotz, während sie sichtlich darum kämpfte, die Fassung zu bewahren. Ich schätzte sie auf etwa fünfzehn Jahre.
„Was gibt es für ein Problem, Beevan?“, fragte der Commander. Seine Stimme klang ärgerlich.
„Dieses ungehorsame Kind stört andauernd den Unterricht.“
„Inwiefern?“
„Mia ist eine Besserwisserin. Sie weigert sich, Mathematikaufgaben in der üblichen Weise zu lösen und hat die Stirn, mich vor der gesamten Klasse zu korrigieren.“
„Und warum bist du hier?“
„Ich möchte, dass sie bestraft wird. Am besten ausgepeitscht. Und degradiert zu einer einfachen Dienerin.“
Bei Beevans Worten liefen Mia die Tränen über die Wangen. Trotzdem blieb sie ruhig und gefasst – bemerkenswert für ein Mädchen ihres Alters.
Nachdenklich legte der Commander die Fingerspitzen gegeneinander. Mir tat die Schülerin Leid, denn es war bestimmt nicht zu ihrem Vorteil, dass ihr Lehrer den Commander mit diesem Streit behelligte. Außerdem hatte Beevan vermutlich auch den Unterrichtskoordinator übergangen.
„Ich kümmere mich da rum“, sagte der Commanderschließlich. „Du kannst gehen.“
Beevan zögerte einen Moment. Ein paar Mal öffnete er den Mund, als ob er etwas sagen wollte. Sein pikierter Ausdruckließ darauf schließen, dass dies nicht die Antwort war, mit der er gerechnet hatte. Mit einem steifen Nicken verließ er das Arbeitszimmer.
Der Commander schob seinen Stuhl zurück
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