Zeitspuren: Mit einem Vorwort von Wolfgang Jeschke - Meisterwerke der Science Fiction (German Edition)
Jahres 1912, aber auch die Menschen von heute wissen nicht alles über ihre eigene Zeit und den Ort, in dem sie leben. Doch was ich gelernt hatte, schien mir ausreichend zu sein. In diesem Augenblick spürte ich mit aller Macht, dass noch ein anderes New York unsichtbar um mich herum existierte.
Unter meinem Fenster, auf der anderen Straßenseite, lag der Central Park. Als ich über die Baumwipfel nach draußen schaute, sah ich in meinem Geist seine Wege, Brücken, Felsen, Wasserläufe vor mir; alles nahezu unverändert im Lauf der Jahrhunderte. Sie existierten dort draußen genauso, wie sie für Julia und Willy existierten. Und ebenso existierte dies alles in einem Augenblick wie diesem im Spätsommer 1912. Der Park, kaum verändert, war seit mehr als einem Jahrhundert Bestandteil von New York, ein Durchgangstor zur Vergangenheit. Ich stand auf und begann mich anzuziehen.
Die Kleider hingen seit mehr als einer Woche in meinem Schrank; eines Abends hatte ich sie in einem Brooks-Brothers-Paket gefunden, das Rube mir geschickt hatte: eine komplette Ausrüstung, inklusive Unterwäsche, einer Brieftasche, sogar einem Taschentuch. Ich zog mich aus und schlüpfte dann in die Unterwäsche, ein seltsames einteiliges Stück, das vorne geknöpft war. Dann Socken, an denen bereits die Sockenhalter befestigt waren. Ein Geldgürte l aus leichtem Segeltuch, der gefüllt und schwer war: Gold und altmodische Banknoten in großen Scheinen, einige von ihnen Tausender. Ich nahm hundert Dollar für meine Brieftasche heraus und schnallte den Gürtel um. Ich war ein wenig nervös. Dann ein grün-weiß gestreiftes Hemd mit einem offenen steifen Kragen. Die beiden goldenen Kragenknöpfe steckten schon. Die Befestigung des Kragens war mir vertraut: erst die Krawatte unter den Kragen legen, den Kragen mit dem hinteren Kragenknopf am Hemd befestigen, das Hemd mitsamt Kragen anziehen, den Kragen mit dem Kragenknopf vorne schließen und dann endlich die Krawatte binden.
Als ich mich anschließend im Badezimmerspiegel betrachtete, stellte ich fest, dass der Kragen höher war als gewohnt. Er berührte meine Wangen und sah nicht nur unbequem aus, er war es auch.
Es folgten die Schuhe: Hellbraune, beinahe ockerfarbene Halbschuhe mit albernen breiten Schuhbändern. Genau meine Größe; Rube hatte mich ja danach gefragt. Und nicht ganz neu: das Leder war bereits ein wenig matt, und ich fragte mich, wo er sie herhatte. Dann die Hose, die unten so schmal geschnitten war, dass ich die Schuhe wieder ausziehen musste. Schließlich Weste und Jacke, der Anzug besaß einen angenehmen Braunton. Einen braunen runden Filzhut. Dann wieder zum Badezimmerspiegel.
Nicht schlecht. Ich gefiel mir und wusste, dass ich für diese Zeit richtig angezogen war. Die Hose besaß ein Uhrentäschchen für die goldene Taschenuhr, die Rube in der Brooks-Brothers-Schachtel eingewickelt und mit der Aufschrift Vorsicht mitgeliefert hatte. Ich steckte das weiße Taschentuch mit dem blauen Rand in meine hintere Tasche. Und schließlich eine Handvoll Münzen, die Rube in eine Plastiktüte gepackt hatte, in die rechte Hosentasche. Ich überprüfte sie; sie stammten von vor 1911.
Alles andere, was ich besaß, tat ich in eine moderne weiche Kunststofftasche. Ich hatte bereits mit dem Hotel abgesprochen, sie für mich aufzubewahren, bis ich ›von einer Reise zurückkehre‹. Am Spiegel lächelte ich dem Fremden mit meinem Gesicht ein letztes Mal zu, dann nahm ich den Zimmerschlüssel und meine Tasche.
Über die 59th Street in den Central Park. Ich schlenderte die Wege entlang, ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen zu haben, nahm, wann immer ich Lust hatte, Abzweigungen und verlor mich allmählich im Unbestimmten. Hinter mir auf dem geteerten Weg hörte ich das schnelle Klicken von hohen Absätzen; eine junge Frau eilte an mir vorüber; es war schon ein bisschen spät für eine Frau ohne Begleitung im Central Park.
Schließlich fand ich, wonach ich gesucht hatte; eine Bank tief im Park, die von dicht belaubten spätsommerlichen Bäumen und Sträuchern umgeben war, vor mir ein sanft ansteigender Hügel, hinter dem die Stadt verschwand. Direkt vor mir konnte ich durch eine schmale hohe Lücke zwischen den Bäumen den westlichen Himmel sehen; einige wenige dünne Wolkenfetzen wurden von der untergehenden Sonne angestrahlt.
Ich befasste mich nicht mit dem, wozu ich hierhergekommen war. Saß lediglich auf der Bank, die Beine von mir gestreckt, die Füße gekreuzt, dachte an nichts und
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