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Das Moskau-Komplott

Das Moskau-Komplott

Titel: Das Moskau-Komplott Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Daniel Silva
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fungierten fast ausschließlich als Iwans Prätorianergarde.
    Sowie ein lockerer Kreis um den vorderen Mercedes gebildet war, öffneten zwei Leibwächter die hinteren Türen. Auf der Fahrerseite stieg Elena Charkowa aus, eine strahlende Erscheinung mit glänzendem schwarzem Haar und ganz in grüne Seide gekleidet. Auf der Beifahrerseite erschien eine kräftige Gestalt, gut gekleidet, mit stahlgrauem Haar. Im ersten Moment hielten ihn die Beobachter auf dem Heuboden für einen siebten Sicherheitsmann. Dann, als er das Gesicht den Kameras zuwandte, erkannten sie, dass er kein Leibwächter war. Er war der Mann, der jetzt eigentlich eine Telefonkonferenz mit Zürich führen sollte. Der Mann, der eigentlich gar nicht hier sein sollte.
    Die Männer auf dem Heuboden versuchten, Sarah zu warnen - sie hatten für solche Eventualitäten in der Eingangshalle einen kleinen Lautsprecher versteckt -, doch sie hatte bereits Havermores repräsentable Tür geöffnet und trat jetzt auf den Hof hinaus. Punch und Judy jagten an ihren Füßen vorbei und schossen wie zwei honigfarbene Torpedos über den Schotter. Irgendeinem natürlichen Instinkt folgend, hielten sie geradewegs auf das am gebieterischsten aussehende Mitglied der Gruppe zu. Die VWs bildeten eine Wand vor ihrem Ziel: Iwan Charkow.
    Er stand ruhig hinter ihnen, einen Ausdruck milder Belustigung auf den groben Gesichtszügen. Sarah schützte Ärger über die Hunde vor, um den Schock, dem Scheusal erstmals Auge in Auge gegenüberzustehen, zu überspielen. Sie riss sie an den Halsbändern zurück und trieb sie mit einem Klaps aufs Hinterteil in Richtung Haus. Als sie sich wieder umdrehte, tat sich zwischen Wadim und Viktor ein schmaler Spalt auf. Durch ihn hindurch streckte sie Iwan die Hand hin. Sie rang sich ein Lächeln ab und hörte sich sagen:
    »Ich fürchte, der Herdentrieb überkommt sie, wenn sie eine größere Gruppe von Menschen sehen. Ich bin Sarah Crawford.«
    Iwans rechte Hand löste sich von der Außennaht seiner Hose. Sie sieht aus wie ein manikürter Hammer, dachte Sarah. Charkows Hand drückte die ihre prüfend und ließ schnell wieder los.
    »Sie sind Amerikanerin«, sagte er.
    Und Sie haben vergessen, sich vorzustellen,
dachte sie.
    »Genau genommen nur halbe Amerikanerin.«
    »Welche Hälfte ist Amerikanerin?«
    »Die egozentrische, laut meinem Onkel. Das ist sein Haus. Ich bin nur zu Besuch hier.« »Aus Amerika?« »Ja.«
    »Wo in Amerika leben Sie?« »Washington. Und Sie?«
    »Ich sehe mich gern als Weltbürger, Miss Crawford.«
    Weltbürger, vielleicht, aber der Kontakt mit dem Westen hatte nicht die letzten Spuren des KGB-Englisch beseitigen können. Es war überraschend flüssig, aber noch gefärbt vom Tonfall eines Propagandisten von Radio Moskau. Er war stolz auf sein Englisch, dachte Sarah, so wie er stolz auf seine gepanzerten Luxuslimousinen war, seine Leibwächter, seinen maßgeschneiderten Anzug, seine Dreitausend-Dollar-Krawatte und das teure Aftershave, das ihn wie eine Dunstglocke umgab. Aber noch so viele westliche Luxusklamotten und Duftwasser konnten seine russische Herkunft nicht verbergen - sie war eingebrannt in dieses Gesicht mit der kräftigen Stirn, den mandelförmigen Augen und den kantigen Backenknochen. Noch konnten sie kaschieren, dass er ein KGB-Scherge war, der zufällig zu einem Haufen Geld gekommen war.
    Als sei es ihm nachträglich eingefallen, hob er die linke Hand und sagte, den Blick starr auf Sarah gerichtet: »Meine Frau.« Sie stand mehrere Schritte abseits, umringt von ihrer eigenen Palastwache. Sie war drei oder vier Zentimeter größer als Iwan und hielt sich aufrecht wie eine Tänzerin. Sie hatte einen blassen Teint, klare grüne Augen und langes schwarzes Haar, das ihr locker über die Schultern fiel. Was Sarahs Chancen anging, ihrer Schönheit Konkurrenz zu machen, so waren sie doch eher gering, denn mit ihren sechsundvierzig Jahren, sieben Monaten und neunzehn Tagen war Elena eine hinreißend attraktive Frau. Sie trat einen Schritt vor und streckte Sarah die Hand entgegen. »Es ist mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen. Ich bin Elena Charkowa.« Ihr Akzent klang, anders als Iwans, authentisch und schwer, und ungemein charmant. »Alistair wird Ihnen gesagt haben, dass ich allein kommen würde. Mein Mann hat sich in letzter Minute entschlossen, mich zu begleiten.«
    Ein Mann, der immer noch keinen Namen hat,
dachte Sarah.
    »Eigentlich hat Alistair nur gesagt, dass eine
Frau
kommen würde. Einen Namen hat er

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