Der Fünfte Elefant
die
Wände zu stoßen, aber das war auch al es.
Ein Schuss, mit dem niemand rechnete.
Damit schaffte er es vermutlich, die Zelle zu verlassen. Und
dann befand er sich in einem Korridor. Tief im Boden. In einer
Welt der Zwerge.
Andererseits war es erstaunlich, wie sehr sich die Indizien gegen
einen richten konnten, wenn Absicht dahinter steckte.
Aber Mumm war Botschafter! Wo blieb die diplomatische Im-
munität? Doch dieses Argument nützte einem kaum etwas, wenn
man es mit unkomplizierten Leuten zu tun hatte, die über Waffen
verfügten. Viel eicht kamen sie auf den Gedanken, ein kleines Ex-
periment durchzuführen und herauszufinden, ob die diplomatische
Immunität wirklich immun machte.
Ein Schuss, den niemand erwartete…
Etwas später rasselten Schlüssel, und die Tür wurde geöffnet.
Mumm bemerkte die schemenhaften Gestalten von zwei Zwergen.
Einer hielt eine Axt; der andere trug ein Tablett.
Der Zwerg mit der Axt bedeutete Mumm zurückzutreten.
Eine Axt war keine gute Idee, fand Mumm. Zwerge bevorzugten
diese Waffe, aber in einem kleinen Raum ließ sich damit nur wenig
anfangen.
Er hob die Hände und tastete unauffällig nach seinem Nacken,
als der andere Zwerg langsam an die Steinplatte trat.
Diese Zwerge wirkten nervös. Viel eicht bekamen sie nur selten
Menschen zu Gesicht. An diesen sol ten sie sich erinnern.
»Möchtet ihr einen kleinen Trick sehen?«, fragte Mumm.
»Grz’dak?«
»Beobachtet dies «, sagte Mumm, brachte die Hände nach vorn
und schloss die Augen, kurz bevor das Streichholz aufflammte.
Er hörte, wie die Axt zu Boden fiel, als ihr Besitzer versuchte,
sich die Augen abzuschirmen. Das war ein unerwarteter Bonus,
aber er hielt sich nicht damit auf, dem Gott der Verzweifelten zu
danken. Mumm sprang vor, trat mit al er Kraft zu und vernahm
ein schnaufendes »Uff«. Dann warf er sich in die Dunkelheit, die
den anderen Zwerg enthielt, fand dort einen Kopf, drehte ihn und
schlug ihn gegen die Wand.
Der erste Zwerg versuchte, wieder auf die Beine zu kommen.
Mumm tastete in der Finsternis nach ihm, packte ihn an der Jacke
und krächzte: »Jemand hat mir eine Waffe zugesteckt. Du sol test
getötet werden. Denk daran. Ich hätte dich töten können.«
Er rammte dem Zwerg die Faust in den Bauch. Er hatte nicht
genug Zeit, nach den Regeln des Marquis von Fantailler* vorzuge-
hen.
Dann drehte er sich um, nahm den kleinen Käfig mit dem Licht-
käfer und eilte zur Tür.
Dahinter erstreckte sich ein Gang, der nach links und rechts
führte. Mumm zögerte lange genug, um Zugluft zu spüren, und
wandte sich dann in die entsprechende Richtung.
Nach einigen Dutzend Metern fand er einen weiteren Käfig mit
einem Glühkäfer. Er beleuchtete – wenn man diesen Ausdruck bei
einem Licht verwenden durfte, das die Dunkelheit nur weniger
schwarz werden ließ – eine große runde Öffnung, in der sich träge
ein Ventilator drehte.
Die Flügel waren so langsam, dass sich Mumm problemlos zwi-
schen ihnen hindurchschieben und die gesamte Schwärze dahinter
erreichen konnte.
Jemand will mich tot, dachte er, als er sich an der nächsten un-
sichtbaren Wand entlangtastete, das Gesicht der Zugluft zuge-
wandt. Ein Schuss, mit dem niemand rechnet… Aber jemand rechnet damit…
Wenn man einen Gefangenen aus dem Knast holen wol te, so
gab man ihm einen Schlüssel oder eine Feile, aber keine Waffe. Ein
Schlüssel öffnete ihm vielleicht die Tür zur Freiheit, doch eine
* In seiner Jugend wurde der Marquis von Fantail er in viele Kämpfe verwickelt, meistens deswegen, weil man ihn als Marquis von Fantailler erkannte. Er verfasste einige Regeln für das, was er als »ehrenwerte Kunst des Faustkampfs« bezeichnete; dabei ging es vor allem um die Stel en, an denen ihn seine Gegner nicht treffen durften. Viele Leute ließen sich davon beeindrucken und traten ihren Widersachern tapfer mit hoch erhobenem Haupt, stolz geschwel ter Brust und geballten Fäusten entgegen. Oft erlebten sie unangenehme Überraschungen, da ihre Kontrahenten die
Regeln des Marquis nicht kannten, aber sehr wohl wussten, wie man jemanden mit einem Stuhl niederschlug. Die letzten Worte erstaunlich vieler Leute lauteten: »Zur Höl e mit dem verdammten Marquis von Fantailler…«
Waffe bedeutete, dass man ihn tötete.
Mumm verharrte mit einem Fuß über Leere. Das Licht des
Glühkäfers zeigte ihm ein Loch im Boden. Ein besonderes Saugen
verriet Tiefe.
Er hielt den Käfig zwischen den Zähnen,
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