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Der Seher des Pharao

Der Seher des Pharao

Titel: Der Seher des Pharao Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Pauline Gedge
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Höhe zitternd zum Stillstand kamen.
    Anubis hatte ihre Hand nicht freigegeben. »Für dich gibt es keine Duat«, sagte er feierlich. »Du brauchst die Beschwörungen aus dem Buch ›Heraustreten ins Tageslicht‹ nicht. Der Sohn des Hapu hat dich vor dieser Prüfung bewahrt. Schau.« Sie drehte ihren Kopf in die Richtung, auf die er zeigte, und Huy folgte ihrem Blick. Die hintere Wand der Halle war verschwunden. Mit einem Aufschrei erkannte Huy das üppige Laub des Isched-Baums. Das Sonnenlicht, das in die Halle der beiden Wahrheiten fiel, blendete ihn, und die Luft war erfüllt vom betäubenden Duft tausend verschiedener Blumen. Hinter einer Reihe von Palmen und Weiden konnte Huy rechts hinten einen Fluss erkennen. Vögel flogen vorüber. Schillernde Schmetterlinge flatterten durchs Gras. Von der Hyäne war nichts zu sehen, doch unter dem Isched-Baum erhob sich Imhotep und streckte die Hand aus.
    »Willkommen im Osiris-Paradies.« Er lächelte. »Dies ist das wahre Ägypten. Komm her.« Darauf ließ Anubis los, und die Frau lief mit immer schnelleren Schritten zu Imhotep. Huy wollte ihr folgen, alle Muskeln drängten nach vorn, wo der Schatten der wohlriechenden Blätter den Boden sprenkelte, doch Anubis hielt ihn mit seinem ausgestreckten Arm zurück.
    »Nicht du, Sohn des Hapu«, sagte er scharf. »Deine Bestimmung erfüllt sich erst noch. Der Augenblick des Genießens ist beendet.«
    »Ich hatte sie beinahe vergessen!«, rief Huy. »Seine Herrlichkeit, Anubis! So lange erschienen mir die Schönheiten Ägyptens grau und leblos im Vergleich dazu! Und nun wird es wieder so, bis …« Seine Stimme versagte. Er stand in einem Raum voller verblüffter Gesichter, seine Nase weigerte sich, zersetztes Blut und den Angstschweiß der Menschen zu riechen. »Sie ist zu Osiris gegangen«, krächzte er. »Ich habe es gesehen. Ihr Herz war leicht auf der Waage. Ich habe es gesehen. Edler Nacht, Thutmosis, vergebt mir. Vergebt mir!«
    Plötzlich begann Nascha zu heulen. »Ich hätte das sein sollen!«, schrie sie. »Warum war ich das nicht, Huy? Ich habe getan, was du gesagt hast, habe mich von dieser Straße ferngehalten. Aber warum sie?« Sie versuchte, ihr Kleid zu zerreißen, zerrte mit der uralten Geste der Trauer am Halsausschnitt. Nacht gab ihrer Dienerin ein Zeichen, und diese führte sie aus dem Zimmer. Huy trat mit seiner traurigen Last von dem Podest.
    Nacht kam zu ihm und legte den Arm um ihn. »Ich verstehe nicht viel von dem hier«, sagte er mit schwerer Stimme. »Vielleicht kann Ramose mich aufklären. Huy, weißt du, warum meine geliebte Frau anstelle von Nascha gestorben sein sollte?« Huy schüttelte den Kopf und brachte kein Wort heraus, weil er Angst hatte, seine Tränen würden überlaufen und ihm Schande bereiten. »Es wird nach den Sem-Priestern geschickt, und die Trauerzeit beginnt«, fügte Nacht hinzu, und zum ersten Mal hörte Huy die Stimme des Fürsten schwanken. »Du hast sie ebenso geliebt. Du wirst die Trauerrituale mit uns zusammen ausführen. Wir werden sie in der Mitte des Monats Thot in unser Grab legen, doch jetzt musst du zurück in die Schule. Thutmosis wird hierbleiben.«
    Auf dem Weg zur Tür kam Huy an Thutmosis und Anuket vorbei. Er sah sie nicht an. Thutmosis streckte die Hand aus, aber Huy ignorierte sie, weil er nur weg, zurück in die gesegnete Abgeschiedenheit seiner Kammer wollte. »Sie ist tot«, rief er der Wache an den Anlegestufen zu, die zusammen mit den Matrosen wartete, lief an Bord und warf sich voller Trauer auf die Planken.
    Im Tempel ging er Priestern und Schülern aus dem Weg und schickte einen Diener zum Arzt, sobald er in seiner Kammer angekommen war. »Ich habe solche Kopfschmerzen, dass ich nicht richtig sehen kann«, sagte er. »Da sind Punkte und Muster vor meinen Augen. Lass dir vom Arzt ein Fläschchen mit starkem Mohn geben, bring es mir und sorg dafür, dass mich bis morgen früh niemand stört.« Weder Wein noch Bier werden mir das Vergessen schenken, das ich ersehne, dachte er, als er vor seiner Chenti-Cheti-Statue stand. Er konnte nicht beten, er konnte nichts tun, wollte sich einzig im Nichts verlieren. Götter, die berauschenden Freuden des Paradieses, die meine Sinne überwältigten! Eine Frau, die ich geliebt habe, ist tot, und ich kann bloß meinen eigenen, heimlichen Verlust betrauern.
    Er stand noch an derselben Stelle, als eine Gestalt in der Tür auftauchte und der Arzt persönlich hereinkam. »Deine Gesundheit ist Sache des gesamten Tempels,

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