Die Quelle
auszuspionieren. Leathans diskretes Kopfschütteln
wurde seinerseits von einer kurzen Grimasse der Enttäuschung beantwortet. Histalien
selbst war in seinen Nachforschungen kein bisschen weiter gekommen, so war
Leathan seine letzte Hoffnung gewesen, den Schuldigen zu enttarnen, ehe dieser
einen neuen Versuch wagen konnte, Sihldan töten zu lassen.
Schließlich ging ein Raunen durch den Saal und ein
Priester in rotem Gewand zeigte sich hinter einem Altar. Er wartete
gebieterisch bis Stille herrschte, dann erst erhob er seine Stimme.
„Nomadenkrieger!“, rief er die Aufmerksamkeit auf sich,
„Ihr seid allesamt hier versammelt, um stellvertretend für euer Volk Krieg
zu führen. Ich nenne es Krieg, denn es ist nicht nur ein Wettbewerb. Das
Turnier dient dazu, Krieg zwischen euren Clans in den Steppen zu verhindern und
eure Differenzen in der Arena auszutragen. Durch die jährlichen Turniere
hat unser Gott und Herrscher Anthalion in seiner Weisheit einen Weg gefunden,
eure Völker zu schonen und euer Überleben zu sichern. Die Sieger des
Turniers werden als erste die Gebiete aussuchen dürfen, in denen sie mit
ihrem Volk ein Jahr lang leben werden. Während dieses Jahres sind Kriege
unter euch, die ihr Anthalion die Treue geschworen habt, verboten. Genauso
verboten ist es euch, in ein Gebiet einzudringen, das eurem Clan nicht
zugeteilt wurde. Allein die vorgegebenen Wege zu Anthalia dürft ihr
passieren. Zu euren Pflichten gehört selbstverständlich auch, die
euch zugeteilten Gebiete vor Eindringlingen zu schützen… Nun noch einmal
zu den Regeln, die während der gesamten Turnierzeit gelten.“
Leathan hörte kaum noch der traditionellen
Eröffnungsrede zu, denn er wusste, dass nun die Sätze kommen
würden, die zuvor Histalien mit dem Priester abgesprochen hatte. Der
Priester sprach eindringlich weiter, dabei erhob er mahnend einen Finger und
deutete anklagend wahllos durch die Runde.
„Wer außerhalb der Arena seinen Gegner
herausfordert, wird zum Verlierer erklärt. An diesem Punkt möchte ich
darauf hinweisen, dass es in diesem Jahr einen Anschlag gegeben hat. Jemand hat
versucht, den Anführer von Isentiens Clan noch vor Beginn des Turniers
ermorden zu lassen. Zeifelsohne ist der feige Auftraggeber heute in diesem Saal
anwesend! Sobald wir den Schuldigen gefunden haben, wird dessen Clan als
Verlierer deklariert und der Verbrecher selbst hingerichtet! Ja, hingerichtet!
Und zwar in der Arena! Vor den Augen unseres Volkes werden wir ihn in seinem
Tod für seine Schandtat demütigen!“
Die Gedanken der Clananführer rasten, während
fast alle von ihnen zu Sihldan sahen. Er musterte wiederum jeden dieser Krieger
feindselig, als verdächtige er jeden von ihnen. Leathan tastete sich
gedanklich durch die acht Anführer, die hätten hinter dem Anschlag
stehen können, doch keiner von ihnen fühlte sich von den Worten des
Priesters bedroht oder angesprochen. Einige von ihnen hofften die Schuldigen
unter den Erzfeinden enttarnt zu sehen, doch konkrete Verdachte hatten auch sie
keine. Obwohl er in seiner Aufgabe vertieft war, bemerkte Leathan im
Hintergrund, wie zwei Priester hinter den schweren, samtenen Vorhängen
beim Altar Gebete murmelten. Ein spöttisches Schmunzeln konnte er sich
nicht verkneifen, als er in ihren Gedanken entdeckte, wie sie vergeblich
versuchten Kegalsik zu rufen, um Macht für Telepathie zu erflehen. Noch
war ihr Gott nicht zurückgekehrt! Interessant war jedoch, dass auch die
Priester von vornherein Sulidian und Lidriak aus ihren Untersuchungen
ausgeschlossen hatten. Es wurde bereits unruhig im Saal, so entschloss sich der
Priester dafür, mit der Zeremonie fortzufahren, als Leathan seine
Aufmerksamkeit Sulidian widmete. Es war erstaunlich, wie sehr der Nomadenanführer
darauf bedacht war, sich auf die Worte des Priesters zu konzentrieren.
‚Nicht in der Schwertkunst liegt die Kraft zu siegen,
sondern in Kegalsiks Wille…’, hallte es in Sulidians Gedanken nach, wobei diese
Worte in ihm einen spöttischen Unterton bekamen… Weshalb lauschte er
dermaßen aufmerksam dem Priester zu, wo doch seine Worte ihn
offensichtlich keineswegs berührten? Leathan wollte tiefer in diese
Gedanken eindringen, doch obwohl Sulidian kein Telepath war, schien er genau
auf ein solches Vorgehen vorbereitet zu sein. Sulidian beschäftigte seinen
Geist mit dem, was er sah und hörte. ‚Kegalsik, der Gott der Jagd und des
Krieges ist es, der euer Herz nährt und euer Schwert führt…’ Ein
Schwert, in einem
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