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Die Tote von Harvard

Die Tote von Harvard

Titel: Die Tote von Harvard Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Amanda Cross
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James und William Dean Howells zu ihrer Zeit auf diesem Friedhof spazierengegangen waren und sich über die Zukunft des amerikanischen Romans unterhalten hatten. Eines Tages machte sie sich dann auch eigens auf den Weg, das Grab von Henry James zu 50

    besuchen. Sie konnte sich nicht erinnern, in New York je an ein Grab gegangen zu sein, außer in ganz früher Jugend an das von Grant.
    Zu Kates Pflichten gehörte es, einmal im Monat am Lunch im Dunster-Haus teilzunehmen und davor im Dozentenzimmer Sherry zu trinken. Diese Lunches waren zweifellos in erster Linie eine schreckliche Angelegenheit – das war Kate nach dem ersten klar.
    Die jüngeren Tutoren vom Dunster bildeten eine Clique, und die wenigen älteren Dozenten waren so verknöchert und allen Ansichten außer ihren eigenen gegenüber so verschlossen, daß Kate (nicht zum ersten Mal und gewiß nicht nur, was Harvard betraf) an einer Verständigungsmöglichkeit zwischen den Generationen zweifelte. Die jüngeren Fakultätsmitglieder strichen diesen alten, selbstgefälligen Typen entweder um den Bart, oder sie gingen ihnen aus dem Weg. In beiden Fällen fand kein Austausch statt. Kate landete mit ziemlicher Regelmäßigkeit bei den jüngeren Fakultätsmitgliedern, nicht nur, weil sie deren Gesellschaft vorzog – sie zog sie wirklich vor –, sondern weil eine Frau, noch dazu eine Frau, die weder jung noch lasziv noch kriecherisch war, für jene Herren, die Harvard immer noch als rein männliche Domäne betrachteten, schlicht und einfach nicht existierte.
    Das Rätsel von Janets Abend im Warren-Haus war der Lösung keinen Schritt nähergekommen. Und Janet tat sich nach wie vor sehr schwer, neue Kontakte zu knüpfen. Mit Kate traf sie sich von Zeit zu Zeit, sie sprachen miteinander, kamen sich aber nicht näher. Klar wurde nur, daß Janet mit völlig unrealistischen Erwartungen nach Harvard gekommen war. Obwohl sie sich nie überwinden konnte, Kate anzuvertrauen, wie diese Erwartungen aussahen, konnte Kate es erraten. An ihrer vorigen Universität hatte Janet über alles, was mit der Frauenbewegung zusammenhing, nur die Achseln gezuckt. Sie hatte sich an ihre wissenschaftliche Arbeit und ihre Fakultät gehalten und war – zumindest aus ihrer Sicht – als gleichberechtigt von ihren männlichen Kollegen anerkannt worden. Da sie davon überzeugt war, daß jede qualifizierte Frau Karriere machen könne, war sie in der Beurteilung von Frauen, die sich an ihrer Universität bewarben, genauso streng wie die Männer. Nach Harvard war Janet mit der Hoffnung gekommen, hier die gleichen, wenn nicht bessere Bedingungen vorzufinden. Ihre Hoffnung wurde bitter enttäuscht.
    Gerade war Kate zu dem Schluß gekommen, daß sie mit ihrem Aufenthalt in Harvard nicht das geringste ausrichtete – natürlich, das Schicksal aller Frauen in Harvard –, als zwei glückliche Zufälle sie 51

    Lügen straften. Der erste trug sich zu, als Kate eines Morgens auf dem Weg zum Institut die Brattle Street hinaufging und Jocasta entdeckte. Kate war schon früher aufgefallen, daß sich die Hunde in Cambridge, ob in Begleitung oder nicht, mit überraschender Unbekümmertheit und Unabhängigkeit bewegten. Sie überquerten Stra-
    ßen, schlenderten die Bürgersteige entlang oder warteten unangeleint vor Läden, in deren Inneres ihre menschlichen Begleiter entschwunden waren. So auch Jocasta. Kate war sich zumindest ziemlich sicher, daß es Jocasta war, aber weiße Bullterrier sehen sich sehr ähnlich. Kate blieb vor dem Tier stehen und wartete auf ein Zeichen des Wiedererkennens. Jocasta streckte die Schnauze vor, beschnupperte Kates Hand und leckte sie dann kurz. Vielleicht erinnerte sie sich an eine bequeme Couch und das ihr heimlich in der Küche zugesteckte kalte Hähnchen. Kate hockte sich hin und streichelte Jocasta. Dann ging sie in den Laden, um nach Joan Theresa Ausschau zu halten.
    Es war ein Blumenladen, in dem außerdem Früchte verkauft wurden. Diese waren es, die Joan Theresa angelockt hatten. In einen Apfel beißend, verließ sie kurz darauf mit Kate den Laden. In der anderen Hand hielt sie eine riesige Grapefruit. (»Behalten Sie die Tüte und retten Sie unsere Wälder«, hatte sie zu dem Mann an der Kasse gesagt.) Joan bot Kate von ihrem Apfel an, und Kate biß kräftig hinein. Inzwischen standen sie vor Jocasta.
    »Es tut mir leid, daß ich es nicht geschafft habe, im Café vorbeizukommen«, sagte Kate. »Komisch, wenn man erst einmal in Harvard ist, vergißt man leicht, daß es

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