Leo Berlin
den Salon. »Möchten Sie hier warten?« Sonnenlicht fiel
durch die wolkigen Gardinen und zeichnete Muster auf den Orientteppich.
Das ganze Haus kündete von Wohlstand und bürgerlicher Eleganz.
»Nein, aber wir würden
Ihnen gern einige Fragen stellen. Ist Ihnen in letzter Zeit etwas an Herrn
Edel aufgefallen?«
Die Frau schaute sie unsicher
an, als schwanke sie zwischen Loyalität zu ihrem Arbeitgeber und dem
Pflichtgefühl gegenüber der Polizei.
»Nehmen Sie doch Platz.
Sie können ruhig mit uns sprechen, Frau . . .«
»Leipold, Maria
Leipold. Ja, er wirkte in letzter Zeit manchmal unglücklich, aber ob
er krank war, kann ich nicht sagen. Und es kam mir vor, als hörte er
oft nicht richtig zu. Dann musste ich ihn dreimal fragen, ob er noch
Kaffee möchte oder ein Ei. Das ist mir schon aufgefallen.«
»Sonst nichts?«,
hakte Leo nach, der froh war, auf dem bequemen Sofa zu sitzen.
»Nein, das heißt,
da war noch etwas.« Sie zögerte. »Herr Edel trägt
gewöhnlich Handschuhe. Das ist eine Gewohnheit von ihm, eine persönliche
Laune. Er hat wunderschöne Handschuhe aus allen möglichen
Stoffen und Ledersorten und . . .«
»Und?«, half
Robert nach.
»Und auf einmal trägt
er keine mehr. Seit ein paar Tagen schon.«
»Das will nicht
unbedingt etwas heißen. Immerhin haben wir Hochsommer. Oder möchten
Sie uns noch etwas sagen?«
Frau Leipold nickte und
schaute verlegen zu Boden. »Nicht dass Sie denken, ich spioniere ihm
nach. Aber ich war gestern im Keller, und da stand ein Sack in der Ecke,
wie wir ihn für die Altkleider benutzen, die Herr Edel der Wohlfahrt
schenkt. Allerdings trage ich die Säcke immer in den Keller und
wusste nicht, woher dieser plötzlich kam. Also habe ich reingeschaut
und lauter zerschnittene Handschuhe drin gefunden.«
»Dürfen wir die
sehen?«
»Ja, natürlich.«
Sie ging hinaus und sprach mit jemandem. Kurz darauf trug ein Hausmädchen
mit weißer Schürze und Häubchen den bewussten Sack in den
Salon und stellte ihn neben den Sofatisch. Sie knickste und verließ
das Zimmer. Frau Leipold schnürte den Sack auf und ließ die
Beamten hineinsehen. Leo griff hinein und förderte einen Haufen
Stofffetzen zutage. Seide, Satin, Leder, Baumwolle, Handschuhe zum
Autofahren und zur Abendkleidung, in allen Farben, bestickt, mit
Lochmuster und Riegel am Handgelenk.
»Und Sie sagen, er trug
immer Handschuhe?«
»Ja. Ob er sie zum
Schlafen ausgezogen hat, kann ich nicht sagen, aber tagsüber hatte er
sie immer an. Sogar beim Essen.«
»Das erklärt die
fehlenden Fingerabdrücke«, meinte Robert.
»Ja, es passt alles
zusammen.«
»Darf ich fragen, warum
Sie hier sind? Ist Herrn Edel etwas zugestoßen?«, fragte sie
besorgt. »Er wirkte so durcheinander, nicht dass er sich etwas
angetan hat.«
»Das glaube ich kaum.
Wir fahren jetzt in die Firma. Sollte er hier erscheinen, rufen Sie bitte
umgehend diese Nummer an.«
Er sah nicht mehr den
fassungslosen Blick, mit dem sie auf das Wort Morddezernat schaute.
Herr Lehmann sah sie überrascht
an und wandte sich an Robert. »Ich habe nicht vergessen, dass Sie
erfahren wollten, wie Knöpfe hergestellt werden. Aber wegen einer
Betriebsführung sind Sie wohl nicht gekommen.«
Leo trat einen Schritt vor.
»In der Tat, deswegen sind wir nicht gekommen. Wir suchen Herrn
Edel.«
»Den habe ich heute
Morgen noch gar nicht in der Firma gesehen. Haben Sie schon Fräulein
Merkert gefragt?«
»Ja, sie ist ihm heute
auch noch nicht begegnet.«
»Vielleicht fühlt
er sich nicht wohl und ist zu Hause geblieben. Hat in letzter Zeit nicht
gut ausgesehen.«
»Bei ihm zu Hause waren
wir schon. Seine Haushälterin sagt, sie habe ihn heute auch noch
nicht gesehen, er müsse das Haus früh verlassen haben.«
»Tja, dann . . .«
Lehmann blickte zu seinem Schreibtisch, als wollte er sagen, ich habe zu
arbeiten, doch das beeindruckte Leo und Robert wenig. Leo hielt ihm die
Nachricht an Viola Cramer hin. »Können Sie mir sagen, wo dieser
bekannte Ort sein könnte?«
»Ich verstehe nicht
–«
»Herr Lehmann, wir
ermitteln in zwei Mordfällen, die Sache ist dringend. Falls es hier
in der Firma einen Ort geben könnte, an dem Herr Edel sich mit einer
Frau treffen würde, dann sagen Sie es uns bitte.«
Der Verkaufsdirektor schaute
verlegen auf seine Schuhe und räusperte sich. »Nun ja, es gibt
eine Wohnung,
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