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Monrepos oder die Kaelte der Macht

Monrepos oder die Kaelte der Macht

Titel: Monrepos oder die Kaelte der Macht Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Manfred Zach
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von daher keine Gefahr drohte – aber wie stand es um die Millionen, denen solches Glück nicht beschieden war?
    Die Umwelt also. Gottseidank hatte auch der zuständige Minister rechtzeitig gemerkt, was los war. Er wartete mit einem Waldschadensbericht auf, der die Spechtsche Tütenmilchphobie, bei allem Respekt, denn doch in den Schatten größerer Herausforderungen stellte. (Hätte Oskar Specht allerdings gewußt, was sein Minister wußte, daß die kommunalen Mülldeponien langsam volliefen und jedes Kilogramm Sondermüll außer Landes entsorgt werden mußte, wäre er dem familiären Frühwarnsystem wahrscheinlich noch entschiedener gefolgt, und das Land hätte ein millionenschweres Recyclingprogramm bekommen).
    Der Wald, das war jetzt amtlich, starb. Vierzig Prozent der Tannen, zehn Prozent der Fichten waren krank; Tendenz steigend. Über die genauen Ursachen rätselten die Fachleute noch. Daß aber das Schwefeldioxyd in der Luft zu den hauptsächlichen Übeltätern zählte, stand so gut wie fest. Man hatte es nur noch nicht mit letzter wissenschaftlicher Präzision nachgewiesen.
    So lange, das war sonnenklar, konnte man nicht warten. Erst stirbt der Wald, dann stirbt der Mensch. Die Medien bemächtigten sich des gemütsträchtigen Themas mit messianischem Eifer. Förster mutierten zu Propheten, das Menetekel kahler Bannwälder verkündete den nahenden Untergang. Waldbegehung im Lodenmantel geriet zur ersten Politikerpflicht. Große Tiere, kleine Tiere pirschten durch den deutschen Tann.
    Specht stürzte sich mit Inbrunst auf das Thema. Es bot alles, was Politik reizvoll machte: Krisenmanagement, Eile, öffentliche Aufmerksamkeit, Interesse der Jugend, bundes- und europapolitische Bezüge, Querverbindungen zur Industrie, Auszeichnungschancen. Als erstes gab Tom Wiener den passenden Begriff vor: ›Ökologische Offensive‹. Dann ging’s los.
    Die ›Technische Anleitung Luft‹, deren Novellierung die Bundesregierung gerade vorbereitete, sollte verschärft werden. Nicht konsequent genug! sagte Specht und forderte im Bundesrat, die Grenzwerte für Schwefeldioxydausstoß drastisch herabzusetzen. Der Bundesrat lehnte ab.
    Die Bundesregierung beschloß den Entwurf einer neuen Großanlagenverordnung zur Abgasentschwefelung in Heizkraftwerken. Unzureichend! sagte Specht und verlangte im Bundesrat, die Anforderungen an die Technik auf japanischen Standard zu erhöhen und alle Altanlagen so schnell wie möglich stillzulegen. Der Bund sperrte sich.
    In kleinem Kreis mokierte sich der Bundesinnenminister über den plötzlichen ›Ökofimmel‹ Spechts. Doch der war schon weiter. Man beschloß, alle landeseigenen Heizwerke entsprechend den selbstgesetzten Maßstäben umzurüsten. Kostenpunkt: vierundvierzig Millionen Mark. Die Vorstände der Energieversorgungsunternehmen wurden einbestellt und von Specht so lange bearbeitet, bis sie sich schriftlich verpflichteten, ihre Kohlekraftwerke schnellstmöglich und im Übersoll zu entgiften. Flugs war auch noch eine ›Expertengruppe Energie und Umwelt‹ gegründet, die eilends zu Studienzwecken nach Japan aufbrach.
    Specht kümmerte sich derweil um Europa. Er regte ein gemeinschaftliches Aktionsprogramm zum Schutz des Waldes an und empfahl dem Kanzler, es auf dem EG-Gipfel beschließen zu lassen, der im Sommer in der Landeshauptstadt stattfinden sollte. Kohl erklärte sich dazu bereit. Aber ausnahmsweise waren die Brüsseler Bürokraten einmal schneller: Sie hatten die Initiative schon in der Schublade.
    Den Umwelt-Präsidenten focht es nicht an. Er erbot sich, im Land ein ›Europäisches Zentrum für Maßnahmen der Luftreinhaltung‹ zu gründen und es mit hundertfünfzig Millionen Mark auszustatten. Zur Bekräftigung reiste er selbst nach Brüssel, verhandelte mit der Kommission und vereinbarte gleich noch ein EG-Symposion über saure Niederschläge im neuen Forschungszentrum. Außerdem empfahl er die Gründung einer Europa-Stiftung zur Waldrettung.
    Wieder zurück, ging es dem Heizöl und dem Dieselkraftstoff an den Kragen. Specht drängte den Bund, den Schwefelanteil im leichten Heizöl und beim Diesel-Treibstoff zu halbieren und das Verbrennen schweren Heizöls ganz zu untersagen.
    Langsam wurde der Bundesinnenminister mürbe.
    Dann wagte sich Specht ans Allerheiligste der Deutschen, ans Auto. Das pustete zwar keinen Schwefel, dafür um so mehr Stickoxyde in die Luft. Auch die bekamen dem Wald offenbar nicht. Specht konferierte mit den Spitzen der Automobilindustrie und

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