Tagebuch eines Vampirs 8 - Jagd im Abendrot
Kurzem auf das Grab gelegt hatten,
war verwelkt, und Elena warf ihn weg und platzierte dafür die Vergiss-
meinnicht darauf. Sie pflückte ein wenig Moos vom Namen ihres Vaters.
Ein kaum wahrnehmbares Knirschen von Kies erklang auf dem Pfad
hinter ihr, und Elena wirbelte herum. Es war niemand da.
»Ich bin einfach nervös«, murmelte sie vor sich hin. Ihre Stimme klang
seltsam laut in der Stille des Friedhofs. »Kein Grund zur Sorge«, fügte sie
energischer hinzu.
Sie setzte sich in das Gras neben dem Grab ihrer Eltern und zeichnete
die Buchstaben auf dem Grabstein nach.
»Hi«, sagte sie. »Es ist eine Weile her, seit ich hier gesessen und mit
euch geredet habe, ich weiß. Es tut mir leid. Es ist schrecklich viel passiert
…« Sie schluckte. »Ich habe herausgefunden, dass ihr gar nicht hättet ster-
ben sollen. Das tut mir so unendlich leid. Ich wollte die Wächter eigentlich
bitten, euch zurückzuholen, aber ein guter Freund riet mir davon ab. Er
meinte, ihr wärt jetzt zweifellos an einem besseren Ort und es wäre
grausam, euch zurückzuzerren. Ich wünschte … ich bin froh, dass ihr
glücklich seid, wo immer ihr seid, aber ich vermisse euch trotzdem.«
Elena seufzte, ließ ihre Hand vom Grabstein sinken und zog sie durch
das Gras neben ihre Knie. »Irgendetwas ist wieder hinter mir her«, fuhr
sie unglücklich fort. »Hinter uns allen, schätze ich, aber Bonnie meinte in
Trance, ich hätte es hierher gebracht. Und später sagte sie, er wolle mich.
Ich weiß nicht, ob es sich um zwei verschiedene Leute – oder was auch im-
mer – handelt, die hinter uns her sind. Oder ob es nur einer ist. Aber ich
bin immer diejenige, auf die sich all das Schlechte konzentriert.« Sie ver-
drehte einen Grashalm zwischen den Fingern. »Ich wünschte, die Dinge
wären einfacher für mich, so wie für andere Mädchen.
Manchmal … bin ich so froh, Stefano zu haben, und ich bin froh, dass
ich helfen konnte, Fell’s Church zu beschützen, aber … es ist hart. Es ist
wirklich hart.« Ein Schluchzen drängte sich ihre Kehle hinauf, und sie
schluckte es hinunter. »Und … Stefano ist zwar immer für mich da, aber
141/328
ich habe das Gefühl, als würde ich ihn überhaupt nicht mehr kennen, vor
allem, weil ich seine Gedanken nicht mehr lesen kann. Er ist so angespan-
nt, und es ist so, als müsse er ständig alles unter Kontrolle halten …«
Hinter ihr bewegte sich etwas, es war nur eine ganz schwache
Wahrnehmung. Sie spürte in ihrem Nacken eine warme, feuchte Brise wie
von einem Atemzug.
Elena riss den Kopf herum. Caleb hockte hinter ihr, so nah, dass ihre
Nasen sich beinahe berührten. Sie schrie auf, aber Caleb schlug ihr eine
Hand auf den Mund und dämpfte ihren Schrei.
Kapitel Achtzehn
Calebs Hand war heiß und schwer auf ihren Lippen, und Elena kratzte mit
den Nägeln an seinen Fingern. Mit seiner anderen Hand hatte er sie fest
gepackt, und seine Finger gruben sich in ihre Schulter.
Elena wehrte sich, schlug mit den Armen wild um sich und landete ein-
en kräftigen Hieb in Calebs Magen. Dann biss sie so fest sie konnte auf die
Hand, mit der er ihr den Mund zuhielt. Caleb zuckte zurück und drückte
sich die verletzte Hand an die Brust. Sobald ihr Mund frei war, schrie
Elena.
Caleb trat von ihr weg und hob in einer beschwichtigenden Geste die
Hände. »Elena!«, rief er. »Elena, es tut mir so leid. Ich wollte dich nicht
erschrecken. Ich wollte nur nicht, dass du schreist.«
Elena musterte ihn schwer atmend. »Was machst du hier?«, fragte sie.
»Warum schleichst du dich von hinten an mich heran, wenn du mich nicht
erschrecken wolltest?«
Caleb zuckte die Achseln und blickte ein wenig verlegen drein. »Ich habe
mir Sorgen um dich gemacht«, gestand er, schob die Hände in die Taschen
und ließ den Kopf hängen. »Ich war Wandern, oben bei Hot Springs, und
hab dich und deine Freunde gesehen. Du wurdest aus dem Wasser gezo-
gen, und es sah so aus, als hättest du nicht mehr geatmet.« Er warf ihr ein-
en Blick durch seine langen, goldenen Wimpern zu.
»Du hast dir also solche Sorgen um mich gemacht, dass du beschlossen
hast, mich zu packen und mir den Mund zuzuhalten, damit ich nicht
schreie?«, fragte Elena. Caleb zog den Kopf noch weiter ein und rieb sich
verlegen den Nacken.
»Ich habe nicht nachgedacht.« Caleb nickte ernst. »Beim Wasserfall
hast du so blass ausgesehen«, fügte er hinzu. »Aber dann hast du die Au-
gen geöffnet und dich hingesetzt.
Weitere Kostenlose Bücher