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Back to Blood

Back to Blood

Titel: Back to Blood Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Tom Wolfe
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nicht der Typ, der Magdalenas Herzen Kosenamen entlockte. Er studierte ihr Gesicht. Wenn er ein guter Schüler gewesen wäre, hätte er gesehen, dass sie zutiefst glücklich war. Auch das hätte ihn nach Lage der Dinge verwirrt.
    Kurz darauf erschien der Maître d’hôtel in dem cremefarbenen Kammgarnanzug in der Tür zur Bibliothek und sagte mit lauter, aber ausgesprochen heiterer Stimme, »Das Dinner ist serviert!«
    Sergej stand neben ihm. Er lächelte seinen Schäfchen zu und schwang sein Kinn in weitem Bogen in Richtung eines anderen Raums, Bitte, folgen Sie mir! Das taten sie dann auch, und das Summen und Geplapper, das Kreischen und die Hohos wurden, wenn das überhaupt möglich war, noch lauter. Sie marschierten durch das Foyer … in den anderen Raum.
    Norman war schwer beeindruckt. Er beugte sich zu Magdalena vor und sagte, »Weißt du was? Er hat die ganze untere Etage gemietet, und es gibt nur zwei!«
    »Ja, scheint so«, sagte Magdalena, die zu glücklich war, um sich in diesem Moment groß Gedanken darüber zu machen, was irgendwer über irgendwas sagte.
    Sie schaute hinunter auf ihren glorreichen Busen. Der Gedanke, dass sie Angst davor gehabt hatte, das Bustier würde ihrem Platz in der Gesellschaft und der Welt schaden!
    Die Herde drängte durch die Tür, eine vibrierende Masse, begierig, jeden Tropfen der gesellschaftlichen Weihe aufzu saugen, die sie in dem anderen Raum erwartete. Noch nie hatte sie so einen Speisesaal gesehen. Er passte zum Konzept des Chez Toi, nichts an ihm war pompös. Trotzdem war er spektakulär … auf seine eigene beiläufige Art. Die Wand gegenüber dem Eingang war keine Wand, sondern eine sich über die gesamte Breite des Raums erstreckende Theke, hinter der sich die legendäre Küche des Chez Toi befand. Sie war riesig. Sechs Meter gleißendes — gleißendes — Kupfer … Töpfe, Pfannen, Küchenutensilien jeder Art hingen an Haken so tief von der Decke herunter, dass ihr Spiegeln die Essenden blendete. Die Köche und Souschefs und der Rest der weiß gewandeten Armee mit toques blanches auf den Köpfen wuselten in der Küche herum, inspizierten dies und das … und, bemerkte Magdalena, drückten auf Knöpfe. Drückten auf Knöpfe? Oh, ja. Computer steuerten die Grill-, Back- und Bratöfen … sogar die Kühlschränke, die rotierenden Regalfächer in den Vorratsschränken … Nicht gerade die traditionelle Art, aber jeder war gewillt, diesen Eingriff der digitalen Welt des einundzwanzigsten Jahrhunderts in die alte analoge Holzofenidylle auszublenden. Die Show aus kupfernem Handwerkszeug und paradierenden toques blanches diente als Kulisse.
    Ein Tisch mit einer massiven, schlichten Platte aus Kastanienholz bildete das Zentrum des Raums. Nein, er beherrschte den Raum. Er war etwa sechs Meter lang, eins zwanzig breit und reichte von hier … bis da . Er gehörte zu der Sorte Koloss, die zur Erntezeit auf einer Farm ganz praktisch war, wenn die hungrigen Arbeiter in ihren Latzhosen hereinkamen, um sich mit Pfannkuchen und Ahornsirup den Magen vollzuschlagen und mit Kaffee und noch unvergorenem Cidre abzufüllen, bevor sie sich wieder an ihre Arbeit machten. Dieser Tisch erinnerte nicht an so eine Szene. Er war die Bühne für ein Ensemble, eine Kollektion, ein atemberaubend himmlisches Sternbild aus langstieligen Gläsern jeder Größe, die vor jedem Platz in Trauben, ätherischen Gebilden, Wolken, durchsichtig glitzernden Blasen arrangiert waren, Gläser so zart und klar, so glänzend und schimmernd im Schein des Lichts, mit Rundungen, die von so vollendeter Glasbläserkunst kündeten, dass es sogar einem eben erst aus Hialeah geflohenen vierundzwanzigjährigen Mädchen erscheinen musste, als ob so ein Glas bei der Berührung mit der winzigsten aller Gabelzinken in sehr hohem Ton, in Eis über dem hohen C, das Wort »Kristall!« singen würde. Flankiert wurde jede dieser engelsgleichen Anordnungen von Defilees an Tafelsilber, von einem solch stupenden Aufgebot an Werkzeugen, dass Magdalena sich fragte, wofür die alle da waren. An jedem Platz stand eine Platzkarte, die offensichtlich ein professioneller Kalligraf per Hand gefertigt hatte. Nun folgte ein Zwischenspiel, in dem die nach wie vor plappernden Gäste sich zwischen den Tischen herumtrieben und sich immer wieder vorbeugten, um die ihnen zugewiesenen Plätze zu finden … ein Auftrieb ohnegleichen … Sergej machte im Akkord Leute miteinander bekannt … und bedachte Magdalena jedes Mal mit einem besonderen

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